REPORTAGE (17):

Hupkonzert
Text und Photos von Patricia Scherer

Im Nachdenken über die Dinge liegt häufig viel Kraft, habe ich festgestellt. Ich verbringe morgens mindestens eine halbe Stunde damit, im Bett, in Ruhe, ohne lästige Unterbrechungen, ohne Telefon und ohne jemanden, der mit mir spricht. Wenn ich diese Zeit nicht habe, kann man mich eigentlich den restlichen Tag in die Ecke stellen. Da stehe ich mit dem falschen Bein auf, und bin kaum zurechnungsfähig. Seit Tagen beschäftigt mich morgens etwas, worüber ich an dieser Stelle weiter sinnieren möchte. Seit der Sommer für dieses Jahr das Zeitliche gesegnet hat, stehe ich mit dem falschen Bein auf. Eigentlich seit alle zurück gekehrt sind aus dem Sommerurlaub. Jeden Morgen ab acht Uhr bildet sich auf der Straße unter meinem Schlafzimmerfenster ein Stau. Es scheint an einer Ampelschaltung zu liegen, ein Stückchen weiter die Straße hinauf. Jeden Morgen stehen in diesem Stau viele Menschen, vielleicht sind es sogar täglich die gleichen Menschen. Und obwohl sie täglich die Erfahrung machen, dass wildes Gehupe den Stau nicht auflöst, hupen sie. Und stören mich bei meiner morgendlichen Gedankenmeditation. Ich finde das ein bisschen unverschämt, ehrlich gesagt. Ich habe mir schon überlegt, hinunter zu gehen, und kleine Zettel zu verteilen: “Warum hupst Du? Auch wenn es überraschend sein mag: Die Ampel hat keine Ohren!” Nun, meine Tage hier sind gezählt, also ist es mir die Mühe nicht wert. Ich ziehe mir lieber das Kissen über den Kopf, und schmolle frustriert in meine Matratze. Ich werde die Hupgewohnheiten eines ganzen Landes nicht mit einer Briefwurfsendung durch Autofensterscheiben verändern können. Das muss ich mir einfach eingestehen. Frauen hupen übrigens seltener, was daran liegen könnte, dass sie auch seltener Auto fahren. Das Auto ist eine männliche Domäne. Es wird grammatikalisch gleichgesetzt mit dem Verb Haben in der Form für Lebewesen, also ich habe ein Kind, eine Frau, einen Hund, eine Kuh oder eben ein Auto. Und besitzen tut man eben eine Frau und ein Auto auch. Es gibt ein paar dieser Dinge hier, die mich wirklich zum Haare raufen bringen. Männer zum Beispiel. Nicht alle – das muss ich vorweg sagen, und natürlich nicht alle georgischen. Aber einige.


Was
mir wirklich fehlt, ist die Freundschaft zwischen Mann und Frau. Das scheint ein Ding der Unmöglichkeit. Ich weiß, viele Frauen werden jetzt verständnislos den Kopf schütteln, doch ich empfinde die Kommunikation mit dem anderen Geschlecht als eine Bereicherung in vielerlei Hinsicht. Männer eröffnen mir manchmal unglaubliche Perspektiven auf die ich als Frau nie kommen würde. (Leider fällt mir gerade kein Beispiel ein. Woran das wohl liegen mag?) Also, ich halte die Unkenrufe, von wegen Männer und Frauen können nicht wirklich kommunizieren, für Nonsens. In Georgien scheint man sich mit dieser kruden Idee jedoch irgendwie abgefunden zu haben. Auf der Straße gibt es Gruppen von Männern, und es gibt Gruppen von Frauen. Gemischte Gruppen sind äusserst selten. Reden tun sie nicht miteinander. Distanzen von drei bis vier Metern Bürgersteig scheinen unüberwindbar in der Kommunikation zwischen Mann und Frau. So zieht sich das durch die georgische Gesellschaft fort.

Frauen stehen den ganzen Tag in der Küche, plaudern und tratschen, während sie speisen zubereiten. Und abends veranstalten die Männer dann eine Supra, um die hergestellten Speisen zu vertilgen und möglichst viel zu trinken. Ja, natürlich, ich war auch schon auf einer Supra. Aber ich bin Ausländerin und ein Gast, also zähle ich nicht als Frau. Kürzlich hat ein Freund von mir Georgien verlassen – ein deutscher Strassenbauingenieur. An seinem letzten Abend veranstalteten seine Kollegen für ihn eine Supra. Ich durfte nicht mit, was mich äusserst verstimmt hat: ich feiere gern und ausserdem wäre ich an seinem letzten Abend gerne mit ihm gewesen. Auf meine Frage wieso ich nicht mit darf, antwortete er, dass Frauen auf einer Supra nichts zu suchen hätten. Die Sekretärinnen würden schließlich auch nicht daran teilnehmen. Es erfüllte ihn am folgenden Morgen gar mit stolz, volltrunken ins Bett gefallen zu sein, und nicht mehr zu wissen, wie er dort hingekommen war. Was für eine barbarische Tradition ist das? Eine in der ein gebildeter, zivilisierte Mann vergisst, dass er aus einer zivilisierten Welt kommt. (Entschuldige fürs Petzen, Stephan). Da sitzen nun die Männer am Tisch, klopfen sich gegenseitig auf die Schulter, ho ho ho, und trinken auf die Ahnen, die Familie, Gott, das Leben, und die Frauen. Ohne Frauen. Ohne Frauen gäbe es die Ahnen, die Familie, das Leben, und wahrscheinlich sogar Gott nicht, aber was macht das schon. Schließlich darf es an Trinksprüchen nicht fehlen. Ich habe sicherlich an drei oder vier Suprebi teilgenommen, und finde sie – bis auf das leckere Essen – inzwischen meist zum Gähnen langweilig. Die wenigstens Tamada, zu deutsch Tischvorsteher, sind wirklich unterhaltsam und eigentlich geht es nur um zwei Dinge: die Profilierung in Trinksprüchen und den Wettstreit im Besäufnis. Wer viel trinken kann, ist ein echter Kerl. Deswegen sind die Frauen wahrscheinlich auch gar nicht scharf darauf mitzumachen – sie interessieren sich nicht für die Profilneurosen ihrer Männer und haben auch keine Lust sich tags drauf im Delirium zu befinden. Die echten Kerle können sie am Ende des Abends vom Tisch abräumen. Dazu braucht man nicht zu reden.

Diese Nicht-Kommunikation zwischen Mann und Frau nimmt ganz eigentümliche Züge an: Ein Mann sieht eine Frau, vielleicht spricht er sogar drei Sätze mit ihr, und dann ist er verliebt. Ich würde es eher als Schwärmerei betrachten. Jetzt geht er dazu über das Blümchen zu umwerben, ja zu bombardieren mit Anrufen, Geschenken, Liebesschwüren und sonst was. Sie hat ihm wahrscheinlich noch nicht einmal ihre Nummer gegeben, aber das ist schon teil des Eroberungskampfes um einen neuen Besitz. Wenn er die Telefonnummer über Umwege herausgefunden hat, dann ist das schon ein Etappensieg. Und wenn sie keine Lust hat, sich weiter mit ihm abzugeben und er ihr nicht gefällt, dann muss sie ein kräftiges, aggressives und abweisendes “ARA!” – also, NEIN! – von sich geben. Vielleicht muss sie sich sogar wiederholen, bis er von seinem vermeintlichen Triumphzug ablässt. Doch die Dinge sind klar: Ich Tarzan, Du Jane! Man hat mich sogar schon versucht mit Urlauben in Fünf-Sterne-Hotels in der Türkei zu ködern. Nach meinem “Ara”, dass ich mit der mir größt-möglichen Aggression hervorgebracht habe, hat dieser Verehrer nun doch nach einem Jahr der Geschenke und Liebesschwüre von mir abgelassen. Das er verheiratet war, und gar Kinder hatte, störte ihn nicht weiter. Das halten einer Mätresse gehört in dieser post-feudalen Gesellschaft mit zum guten Ton. Und ich bin mit über dreissig sowieso zu alt, und bereits geschändet. Zum Heiraten tauge ich also nicht.

Ich übe das ARA! jeden Tag vorm Spiegel und ich bin unsäglich schlecht darin. Wenn mir jemand als potentieller Geschlechtspartner nicht gefällt, versuche ich es eher mit: “Du, weißt Du, Ich hab da gerade nicht so Interesse, so. Versteh mich nicht falsch, das hat nichts mit Dir zu tun. Ich kann Dich wirklich ganz gut leiden, lass uns doch Freunde sein. Wäre das nicht auch schön?.” Das ist ziemlich naiv von mir, und funktioniert auch andernorts auf der Welt, also zum Beispiel in Deutschland, nur bedingt. Doch manchmal ergeben sich gerade durch diese etwas vorsichtigen Körbe wunderbare Freundschaften, inklusive geschlechterübergreifender Kommunikation. An dieser Stelle möchte ich mich dafür wirklich mal aus tiefstem Herzen bedanken bei allen Männern da draussen, die mich nicht nur als Sexualobjekt, sondern auch als Mensch betrachtet haben für Ihre Offenheit, ihr Verständnis und ihre Reife, für das Geschenk ihre ungeteilten Aufmerksamkeit und ihrer Bereitschaft zu reden. Missen möchte ich keinen dieser Männer. Und ich hoffe, sie wollen auch nicht auf mich verzichten. Also, ein Hoch, eine Ode auf den kommunikationsfähigen Mann!

p.s. So als Tipp für alle zukünftigen Verehrer ;-): ich steh total auf halbwegs intelligente Gespräche, ein bisschen Witz, zuvorkommendes Benehmen in Maßen, saubere Füße und etwas Brustbehaarung. Dabei sollte Mann schon wissen, was Mann will. 😉

Mehr über morgendliches Sinnieren, demnächst auf http://georgien.blogspot.com/

Teil 18: Gut sein macht Diebe

Teil 16: Reise ohne Rückkehr. Die Geschichte des wunderbaren Monsieur Merveilleau – Teil 2

Patricia Scherer in Georgia (Caucasus) photos


Patricia Scherer
freie Journalistin
vom 15. Juli bis 30. September 2007
Barnovis Kutscha 39
0160 Tbilissi, Georgien
Tel. +995-32-982966
Mobil +995-95-764296
Mailto: patricia@patricia-scherer.de
Skype: patriciaworldwide
www.patricia-scherer.de

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