REPORTAGE (16):

Reise ohne Rückkehr.
Die Geschichte des wunderbaren Monsieur Merveilleau – Teil 2
Text und Photos von Patricia Scherer

Jean-Michel erzählt von seiner Heimat, von seiner Familie, von seinem Glauben. Er achtet auf Sopos roten Lippen und ihre tiefen, dunklen Augen während sie dem georgisch-orthodoxen Popen übersetzt, was er sagt. Und er merkt, wie sich ihre Züge verändern, wie die weichen Linien sich verwandeln in enttäuschte, harte Falten. Da stehen sie nun, der Franzose und die Georgierin, mitten in Tbilisi auf den Treppenstufen einer alten Kirche aus dem 14. oder 15. Jahrhundert und beantworten rein zufällig die Fragen eines interessierten Priesters; und mit jeder Antwort schwindet ein bisschen Hoffnung auf Liebe, auf Nähe, auf eine gemeinsame Zukunft. Jean-Michel Merveilleau ist Buddhist, seine zweite Frau hat ihn gerade verlassen, er hat drei Kinder aus zwei Ehen, er ist 44 Jahre alt. Da ist sie, die schlichte Wahrheit seiner Lebensumstände. Fakten, nach denen sie, Sopo, nie gefragt hat. Fakten, die mit ihrer Vorstellung von Liebe, Ehe und Kindern nicht zu vereinen sind. Sie möchte keinen Mann, der fast zwanzig Jahre älter ist als sie, der kein Christ ist, und auf dem Papier noch verheiratet. Ihre roten Lippen verlieren die verführerische Spannung, ihr Blick fängt seinen nicht mehr. Der Zauber ist vorbei, ganz plötzlich, von einem Moment zum nächsten. Sie ist nicht bereit, ihn aufrechtzuerhalten für eine ungewisse Zukunft zwischen Frankreich und Georgien. Ihr Wege trennen sich für immer – noch am gleichen Nachmittag.

Jean-Michel ist traurig und desillusioniert, doch er bereut nicht, dass er nach Georgien gefahren ist, 5000 Kilometer quer durch Europa. Für den Rückweg wird er sich Zeit nehmen, er wird sich die Länder ansehen, die er mit seinem Kleinlaster durchquert. So ist sein Plan, und mit diesem Plan fährt er Giorgi hinter her, einem Taxifahrer der ihm den Weg raus aus der Stadt Richtung Gori weist. Zunächst ist das wieder sein Ziel. Doch diesmal sucht er nicht die Liebe, diesmal will er Tourist sein, Stalin sehen, sich Zeit lassen. Jean-Michel besucht das Stalin-Museum, er versucht die russischen und georgischen Schriftzeichen zu entziffern, während ein Student mit einem Buch hinter ihm her trottet und ihn beobachtet. Erst fast am Ende der Ausstellung stellt sich heraus, dass es sich einen schüchternen Museumsführer handelt, der sich nicht aufdrängen will. Es ist dem Studenten fast peinlich, dass hier unhinterfragte stalinistische Propaganda ausgestellt ist. Stalins Geburtshaus, Stalin als junger Mann, Stalins Geschenke, Stalin mit anderen großen Führern, Stalins Totenmaske, Stalin – Sohn Goris, Sohn Georgiens.

Jean-Michel will weiter, er will Gori verlassen und mehr sehen. Er kennt nur einen Weg aus der Stadt, den Weg den er gekommen ist. Am Rathaus, bei dem riesigen Monument von Joseph Stalin muss er abbiegen. Er denkt nicht darüber nach, dass er hier nicht abbiegen darf. Er übersieht die Schilder, und dann weiß Jean-Michel für einen kurzen Moment lang nicht, wie ihm geschieht. Sein Kleinlaster hat einen Totalschaden, das gegnerische Fahrzeug ist völlig demoliert. Der Fahrer hat ein paar Kratzer. Stalin sieht auf ihn herab, während sich eine Menschentraube bildet und vier Polizeiwagen angefahren kommen. Nach kürzester Zeit ist sogar das Fernsehen vor Ort, und will ihn interviewen.

Jean-Michel bleibt ruhig, als man ihn abführen will. Er hat einen Unfall verursacht und einen Menschen verletzt – nach georgischem Recht ein Grund ihn zunächst in Gewahrsam zu nehmen. Der Franzose ruft die Botschaft an, bekommt einen Dolmetscher. Die französische Versicherung haftet nicht in Georgien. 4500 Euro soll er nun aus eigener Tasche bezahlen als Strafe und für den Schaden. Ins Gefängnis muss er vorläufig nicht, doch die Familie der gegnerischen Partei nimmt ihn bei sich auf. Die Gastfreundschaft ist groß, nur gehen darf er nicht.

In der Nacht, im Bett, als es still ist, als er merkt, dass er nicht nur Sopo sondern auch sein Auto verloren hat, kommt ihm die rettende Idee. Er tauscht seinen Wagen gegen die Freiheit. Hier in Georgien ist der Renault trotz des Totalschadens etwas wert, kann repariert und verkauft werden. Die Unfallgegner sind einverstanden. Tage vergehen, bis die nötigen Formalitäten geklärt sind. Jean-Michel hat an seinen Wagen an der Grenze nicht verzollt, schließlich wollte er ihn ja auch nicht verkaufen. Nun soll er aber in den Besitz eines Georgiers übergehen, was einem Verkauf gleich kommt. Der Wagen ist nicht fahrtauglich, also kann der Franzose ihn auch nicht erneut über die Grenze fahren. Eine Odyssee durch die georgische Behördenlandschaft beginnt. Immer braucht Jean-Michel einen Dolmetscher, nie lässt ihn seine “Gastfamilie” aus den Augen. Eine Woche nach dem Unfall ist es vollbracht. Jean-Michel hat kein Auto mehr, er darf nach Hause, seine Krankenkasse übernimmt den Flug. Eigentlich möchte er nicht nach Bordeaux zurück. Er weiß nun, dass er ein Reisender sein möchte, dass er sich die Welt ansehen will, mit allen Sinnen. Doch das Flugzeug wartet nicht auf ihn, seine Geld und seine Zeit sind nicht grenzenlos. Am gleichen Tag, an dem er in ein Flugzeug nach Frankreich steigt, trifft er eine Georgierin. Eine dunkelhaarige Sirene, die ihm tief in die Augen blickt und deren Hand er einen Moment länger hält, als es die Zeit für eine unverfängliche Verabschiedung erlaubt.

Mehr demnächst auf http://georgien.blogspot.com/

Teil 15: Die Geschichte des wunderbaren Monsier Merveilleau.

Patricia Scherer in Georgia (Caucasus) photos


Patricia Scherer
freie Journalistin
vom 15. Juli bis 30. September 2007
Barnovis Kutscha 39
0160 Tbilissi, Georgien
Tel. +995-32-982966
Mobil +995-95-764296
Mailto: patricia@patricia-scherer.de
Skype: patriciaworldwide
www.patricia-scherer.de

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