REPORTAGE (15):

Die Geschichte des wunderbaren Monsier Merveilleau.
Text und Photos von Patricia Scherer und Maia Chkhaidze

Bassanne hat laut Statistik 87 Einwohner. Es liegt südlich von Bordeaux in Frankreich. Etwas abseits der Zivilisation lebt Jean-Michel Merveilleau zwischen seinen Weinbergen. Der Weinbauer ist fast so wunderbar, wie sein Nachname. Sein Gesicht ist überzogen von tiefen Lachfalten, die die Arbeit an der frischen Luft gegerbt haben, und seine blauen Augen blitzen auf, wenn er sich freut und lächelt. Jean-Michel’s Herz weint, weil seine Frau ihn zurück gelassen hat, hier auf dem Land. Seine beiden Kinder hat sie mitgenommen. Vielleicht ist sein Herz gerade deshalb so hungrig, oder vielleicht hat er auch nur Lust auf ein großes Abenteuer, das ihn weit weg führt von seinen Weinbergen und den immer gleichen Gesichtern. In der Region um Bordeaux befinden sich ein paar alte Gebäude, die von den jeweiligen Dorfgemeinschaften restauriert wurden. Unter anderem eine alte Mühle aus dem 13. Jahrhundert, direkt in Bassanne. Auch Jean-Michel hat sich an der Renovierung beteiligt. Die Neueröffnung der Mühle soll gebührend gefeiert werden, mit einer Prozession und einem Fest für zweihundert Personen.

Warum ausgerechnet ein georgischer Chor anlässlich der Einweihung singt, bleibt unerklärlich, doch, so trägt es sich zu. Und wie es das Schicksal oder der Zufall will, erblickt Jean-Michel eine georgische Göttin. Sopo oder auch Sophie. Sie schreitet eine Treppe hinab. Er sieht sie, sie sieht ihn, und plötzlich können sich ihre Blicke nicht mehr von einander trennen. Als er ihr einen Aperitif einschenkt, ist es längst um ihn geschehen. Er hängt an ihren Lippen, während sie von ihrem Land erzählt, von Georgien, seiner mystischen Vergangenheit, seinen bunten Farben, der unermesslichen Gastfreundschaft der Menschen und dem Reichtum an Wein und Weib und Gesang. Sopo leuchtet und strahlt, während sie erzählt, und Jean-Michel kann sein Glück kaum fassen. So, und ähnlich, beginnen viele traurige Liebesgeschichten. So, und ähnlich, lockt Georgien die Ahnungslosen an. Jean-Michel weiß in diesem Moment, da ihn die Sirene mit Erzählungen vom Paradies im Kaukasus betört nur eines, er muss sie wieder sehen. Beim Abschied hält er ihre Hand, länger als es die flüchtige Berührung einer herkömmlichen Verabschiedung erlaubt.

Schon am nächsten Tag findet ein weiteres Fest zur Einweihung eines anderen restaurierten Monuments statt. Jean-Michel kann es kaum erwarten Sopo wieder zu sehen. Er hofft, er geduldet sich, er trinkt, er wartet, doch Sopo ist längst nach Paris abgereist. Über andere Georgier erhascht er ihre Email-Adresse und macht sich sogleich ans Werk ihr zu schreiben. Eine Woche vergeht, und er erhält keine Antwort. Niedergeschlagen und traurig ist er, der Hoffnungsschimmer klein, als er doch endlich eine Antwort erhält. Eine Einladung nach Georgien und eine Adresse in Gori. Die sofortige Abreise scheint für Jean-Michel die einzige Möglichkeit seine Göttin noch einmal an der Hand zu halten. Er will kein Flugzeug nehmen, er will sofort und ohne Umschweife eine Abreisen, ohne ein Sicherheitsnetz, ohne die Möglichkeit seine Entscheidung zu überdenken. Also setzt er sich in seinen Kleinlastwagen und fährt durch Frankreich nach Italien, über Slowenien nach Kroatien, Serbien, Bulgarien. Er schläft im Auto. Nur eine Musikkassette hat er dabei, die er immer wieder hört. Manchmal erkennt er lediglich an der neuen Sprache im Radio, dass er ein Land verlassen hat um das nächste zu passieren. Er fährt, und schläft – fünftausend Kilometer lang – bis er von der Türkei aus die georgische Grenze passiert. Bisher hat Jean-Michel Europa nur ein einziges Mal verlassen – um Urlaub zu machen in Marokko. Doch er hat keine Angst vor dem Unbekannten. In diesem Moment, in dem er durch den Tunnel nach Sarpi zum georgischen Grenzpunkt fährt, ist er selig. Jetzt trennen ihn nur noch wenige Kilometer von Sopo.


Dem
Grenzbeamten gefällt die Musik auf der Kassette, er möchte sie haben. Jean-Michel tauscht sie ein, gegen einen Eingangsstempel in seinem Pass. Als er Batumi erreicht um Geld zu wechseln, regnet es. Er ist ein französischer Weinbauer verloren in einer fremden Hafenstadt, allein, bei Regen. Doch das trübt seine Stimmung nicht. Er findet seinen Weg nach Gori. Er findet Sopos Haus, und ihre Familie. Nur Sopo findet er nicht. Jean-Michel findet nur Sopos Schwester, die ihm erklärt, das Sopo noch in Frankreich ist. In Paris.

Zwei Tage wartet Jean-Michel auf Sopo, bis sie endlich zurückkehrt in ihre Heimat, nach Gori. Die Überraschung ist groß, und auch die Freude. Auf beiden Seiten. Jean-Michel ist offen, er hängt an ihren roten Lippen, und Sophie scheut keine Mühen um ihm ihr Land zu zeigen. Berühren tun sie sich nur, wenn sie eine Straße überqueren müssen. Sophie fasst ihn dann am Arm, und zerrt ihn bestimmend und schnelles Schrittes über die Straße. In Sicherheit, auf der anderen Seite, lässt sie ihn sogleich los. Gemeinsam sehen sie sich die alten Städte Georgiens an, Museen und Denkmäler. Und vor allem Klöster und Kirchen – nicht nur weil Georgien davon so viele zu bieten hat -, Sopo ist tief gläubig. Die georgisch-orthodoxe Kirche beinhaltet für sie die einzige Wahrheit. Und genau das soll für Jean-Michel zum Verhängnis werden. Das Georgien, dass Sopo in Frankreich beschrieben hat, ist nicht das, was Jean-Michel nun kennenlernen wird. Und die Frau, in die er sich so Hals über Kopf verliebt hat, wird nie wieder dieselbe sein.

Das Ende einer Liebesgeschichte auf Georgisch, demnächst bei
http://georgien.blogspot.com/

Teil 16: Reise ohne Rückkehr. Die Geschichte des wunderbaren Monsieur Merveilleau – Teil 2

Teil 14: Bombastic Plastic

Patricia Scherer in Georgia (Caucasus) photos


Patricia Scherer
freie Journalistin
vom 15. Juli bis 30. September 2007
Barnovis Kutscha 39
0160 Tbilissi, Georgien
Tel. +995-32-982966
Mobil +995-95-764296
Mailto: patricia@patricia-scherer.de
Skype: patriciaworldwide
www.patricia-scherer.de

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