REPORTAGE (14):

Bombastic Plastic .
Text und Photos von Patricia Scherer

Ich habe eine Zeitlang für Disney gearbeitet – das ist lange her -, und mein Studium mit Führungen über das Bavaria Film Gelände in Geiselgasteig bei München finanziert. Das ist noch länger her. Trotzdem kann ich wohl behaupten, ich erkenne eine Kulisse, wenn ich eine sehe. Ich bin so eine Art Kulissenexpertin. Wenn man durch Disney World spaziert oder über das Bavaria Film Gelände an einem schönen Sonntag Nachmittag, dann rechnet man damit, dass sich hinter der bunten Fassade ein Baugerüst oder ein geheimnisvoller Apparat befindet, der Mickey Maus dazu bringt im richtigen Moment mit den Ohren zu wackeln. Wenn man georgischen Boden betritt, ist es nicht so, als hätte man sich eine Karte für den Freizeitpark erworben. Man bekommt zwar einen bunten Stempel in den Pass, in rot oder grün oder blau, aber man rechnet nicht damit, dass das was man hier sieht und antrifft reine Fassade ist.


An den Gigantismus gewöhnt man sich schnell. An diese riesenhafte neue Kirche namens “Dreifaltigkeit”, die mitten in das Stadtbild gepflanzt wurde als gäbe es nicht schon genug Kirchen, Klöster und Kapellen in diesem Land. An den Nachbau der Reichstagskuppel inklusive des Besichtigungsrundgangs für Besucher auf dem neuen Präsidentenpalast. Äußert irritierend für uns Deutsche übrigens, weil man ständig erwartet gleich das strahlende Gesicht einer Frau Merkel zu sehen.


Ich habe ein gewisses Verständnis für den Wunsch des Mannes ein Haus zu bauen, einen Baum zu pflanzen und ein Kind zu zeugen. Sicherlich ehrenwerte Ziele, in einer Zeit in der die meisten Menschen die Orientierungslosigkeit zum Kult erhoben haben. Gerade für mächtige Männer ist es in diesen Zeiten besonders schwer. Eines Morgens wachen sie auf in ihrer Allmächtigkeit und stellen plötzlich fest, dass sie eben doch nicht mehr so allmächtig sind. Dann müssen sie wie die Lemminge dem letzten Aufschrei ihrer noch halbwegs potenten Macht folgen, um sich ein Denkmal setzen, welches ihre Macht überdauert. Das hat Ludwig II. von Bayern mit Herrenchiemsee getan, Helmut Kohl mit dem Bundeskanzleramt und natürlich muss das auch ein Mikhail Saakashvili tun. Ich hoffe, er hat bemerkt, dass weder Helmut noch Ludwig all zu viel Zeit in ihren steingewordenen Träumen verbracht haben. Vielleicht ist die Fertigstellung eines solchen Denkmals auch gleichzusetzen mit dem Ende einer Ära, dem Ende des unabhängigen Freistaates Bayern, der Ära Kohl, der Ära des georgisch-orthodoxen Patriarchats und sogar der Ära Saakashvili. Und ich will ihm ja nicht unrecht tun, dem lieben Mischa. Das mit dem Reichstagsimitat war ursprünglich die glorreiche Idee seines Vorgängers Schewardnadse. Es ist also bereits ein großer Mann an diesem Bauvorhaben gescheitert. Sollte Mikhail Saakashvili die Präsidentschaftswahl 2008 für sich gewinnen – und das ist mangels echter Alternativen wahrscheinlich – so wird er sich mit der Beendigung seines Präsidentenpalastes sputen müssen um die Aussicht aus seiner Reichstagskuppel noch ausgiebig genießen zu können, und zwar während er im Amt ist.

Und damit Mischa die Präsidentschaftswahl ja auch gewinnt, hat er sich nun überlegt ein paar kosmetische Eingriffe vorzunehmen, so eine Art Schönheitsoperation an Georgien. Aussen hui, Innen pfui. In der Tbilisser Altstadt und auf dem Rustaveli Prospekt ist ihm das ja auch schon ganz gut gelungen. Ein Trugbild für Volk und internationale Geldgeber. Das nenne ich große staatsmännische Leistung. Eine wahnsinnige Idee, die der Mischa da hat, um seinen Ruf aufzupolieren. Brot und Spiele fürs Volk und die amerikanischen Freunde. Die lieben Disney World ja bekanntlich auch ganz besonders. Und damit auch jeder Bescheid weiß, hat Mischa es schon ganz laut heraus posaunen lassen: er will einen Prototyp des hübschen georgischen Städtchens kreieren. So etwas niedliches, bezauberndes und knuffiges wie Rothenburg ob der Tauber, nur eben in den georgischen Bergen und in knallbunt. Ins tiefste Mittelfranken fahren ja auch fast nur Touristen, meist aus Japan oder den U.S.A. Und Schulklassen – schließlich steht hier sichtbare und fühlbare deutsche mittelalterliche Geschichte.

Ein paar Dinge haben Signachi und Rotenburg o.d.T. sogar gemein. Eine hervorragend erhaltene Stadtmauer zum Bespiel, ein herrliches Panorama, ein Weinanbaugebiet im Umland und ein paar wunderschöne alte Häuser, die sich nun über einen Anstrich in Rosé, Bleu oder gar Mint freuen dürfen. Mischa hat tief in die Tasche gegriffen um den Häusern diesen Anstrich in seinen Lieblingsfarben zu verpassen, und sie mit Blumenkästen zu dekorieren. Noch ist Signachi eine überdimensionale Baustelle. Ein ganzes Dorf in Aufruhr. Es wird gehämmert und gesägt, und irgendwie hat der Präsident es geschafft, die Menschen, die vorher in diesen Häusern lebten zu evakuieren, auf den Mond zu verbannen oder in den Keller zu sperren – zumindest zeitweilig -, denn bis auf einen riesige Ansammlung von Handwerkern scheint niemand mehr hier zu sein. Es ist ein bisschen wie in amerikanischen Filmen über tödliche Viren: viele Menschen mit eigenartigen Werkzeugen rennen fleißig wie die Ameisen hin und her, nur das diese hier keine orangefarbenen Ganzkörperanzüge mit Atemmaske tragen. Der Rest der Menschheit ist ausgestorben.

Mischa scheint überzeugt, dass sein großer Coup nicht auffliegt. Wahrscheinlich werden in Zukunft nur noch Japaner, Amerikaner und Israelis in Bussen nach Signachi kommen. Die dürfen dann exakt sechs Minuten und 37 Sekunden aussteigen um ein Foto zu machen, und schnell wieder ab in den Bus – schließlich will man den Kaukasus ja in drei Tagen besichtigen. Ein längerer Aufenthalt wäre auch fatal, denn die Farce könnte durchschaut werden. Mich wundert, dass man japanische Touristen nicht schon längst mit Bungee-Seilen ausgestattet hat, damit man sie wie einen Flummi zurück in den Bus schleudern kann, sollten sie sich mal zu lange an einem Ort aufhalten oder sogar mit dem Gedanken spielen sich selbständig zu bewegen. Wäre doch eine praktische Erfindung, die Touristen-Rückhol-Schleuder. Ich sollte ein Patent anmelden.
Zurück zu Mischa, der nicht nur sein eigenes Volk, sondern offensichtlich auch alle Besucher seines Landes für Vollidioten hält. Mischa scheint wirklich zu glauben, dass niemand auf die Idee kommen wird, mal ein Garagentor aufzumachen, oder gar eine Haustür. Dann würde der willkommene Besucher nämlich augenblicklich feststellen, dass hinter der schönen Fassade immer noch die Bruchbude steckt, die auch vor der bombastischen Großreinemach-Aktion dort war.
Die meisten Dorfbewohner können sich nämlich mangels Arbeit, sozialen Wohlfahrtssystemen oder gar Bausparverträgen überhaupt nicht leisten ihre Häuser zu renovieren. Und ehrlich gesagt, haben die meisten auch andere Sorgen. Zum Beispiel die Bildung ihrer Kinder. Ich kann für Mischa nur hoffen, dass sich niemand in die Nebenstrassen verirrt. Da sieht es nämlich aus, wie in den meisten anderen Dörfern Georgiens auch. Gelinde gesagt, ein wenig renovierungsbedürftig.
Gut, ich muss zugeben, Mischa ist nicht völlig bescheuert. Nein, er hat sich überlegt, dass die Menschen – wenn sie denn vom Mond zurückkehren dürfen nachdem die Großbaustelle beendet ist – die Kosten für die hübschen Fassaden ja zurückzahlen könnten. Sie hätten das Geld vielleicht lieber in eine neue Wasserleitung gesteckt, oder in den Weinanbau um ihre Existenz zu sichern, aber was soll’s. Beim Zahlungsziel machen wie keine Kompromisse: in maximal drei Jahre sind die Tacken wieder auf dem Staatskonto. Und nachdem ich etwas nachgedacht habe, ist auch bei mir endlich der Groschen gefallen. Die Menschen können ihre Schulden unmöglich zurückzahlen, auch wenn der “Kredit” erst in zwanzig Jahren fällig wäre. Dann bräuchte die Fassade schon wieder einen neuen Anstrich, und das inzwischen erwachsene Enkelkind des mittellosen Hausbesitzers würde sich immer noch redlich abmühen für den alten Anstrich aufzukommen. Ein Gewinn im Lotto könnte sie retten, doch es ist wohl unwahrscheinlich, dass ein ganzes Dorf im Lotto gewinnen wird. Also, werden die armen Signacher bald ihre Häuser verkaufen, für niedrige Preise an ausländische Investoren. Auch eine Methode sein eigenes Land zu verhökern. Das nennt man dann freie Marktwirtschaft. Herzlichen Glückwunsch, Mischa. In Zukunft werden die Fastfood-Touristen für ihren Stempel ins georgische Bombastic Plastic Land sicherlich gerne ihre Kreditkarten zücken. Möge die Macht mit Dir sein.

Demnächst mehr auf http://georgien.blogspot.com/

Teil 15: Die Geschichte des wunderbaren Monsier Merveilleau.

Teil 13: Es gibt ein zurück, von Armenien nach Georgien. Oder: Common sense in Babel.

Patricia Scherer in Georgia (Caucasus) photos


Patricia Scherer
freie Journalistin
vom 15. Juli bis 30. September 2007
Barnovis Kutscha 39
0160 Tbilissi, Georgien
Tel. +995-32-982966
Mobil +995-95-764296
Mailto: patricia@patricia-scherer.de
Skype: patriciaworldwide
www.patricia-scherer.de

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