REPORTAGE (13):
Es gibt ein zurück, von Armenien nach Georgien.
Oder: Common sense in Babel.

Text und Photos von Patricia Scherer

Es regnet. Die Temperatur ist schlagartig um zehn Grad gefallen. Das Grau des Himmels spiegelt sich im Sevan See. Schönheit schlägt um in Tristesse. Noch vor zwanzig Jahren tummelten sich hier sorglose Politfunktionäre und servile Kommunisten in Ferienhäusern. Brot und Spiele für das Volk – ein Konzept, dass die Römer, die Nazis und die Soviets überdauert hat und in Regierungskreisen immer noch als Geheimtipp zur Befriedung der aufständischen Massen gehandelt wird. Nur hier hat es etwas gelitten. Die Ferienhäuser dienen als Überdachungen für Heimatlose, der ehemalige Veranstaltungssaal schwelgt mit glasigem Blick über den See in Erinnerung an Tanz, Wodka und Parteiparolen. Der Sevan See wird zum Auffangbecken für die Tränen des Himmels. Weint er um den vergangenen Glanz, oder um die vermeintliche Aussichtslosigkeit dieser Zukunft?


Unweit finden wir eine Stelle zum Baden. Das Wasser ist eiskalt, die Luft nicht viel wärmer. Ich springe tapfer ins Wasser, gefolgt von Schreien. Schreie, die die Kälte erträglich machen und Jubel der Freude über dieses Bad im klaren Nass. Die armenischen Familien, die sich an Picknick-Tischen in der Nähe ihrer Autos am Strand niedergelassen haben, drehen sich um. Eine kreischende, jubelnde Europäerin in einem unifarbenen Bikini ist ein ungewöhnlicher Anblick. Francois amüsiert sich köstlich über die Blicke, die auf mir haften. Fragende Gesichter, die sich nicht entscheiden können, ob sie mit mir lachen oder zur Rettung herbei eilen sollen. Inzwischen bin ich längst zu weit hinaus geschwommen, um von einem Armenier gerettet zu werden. Die meisten Menschen im Kaukasus sind schlechte Schwimmer. Deswegen stehen sie meist nur bis zur Hüfte im Wasser oder schwimmen parallel zum Strand. Irgendwie erinnert mich das an italienische Gigolos in Rimini. Man sollte vielleicht nicht nur im Kaukasus, sondern auch in Rimini das Seepferdchen einführen.

Auf dem Rückweg durch die grünen Hügel Armeniens friere ich. Die Heizung im Fußraum brennt an den Fußsohlen, ich habe alles angezogen, was ich dabei habe, und trotzdem ist mir kalt. Innen. Die Sonne scheint wieder, während wir die Serpentinen auf und ab fahren, doch ist es an diesem Nachmittag unerwartet Herbst geworden. Der Sommer, die Hitze, die schwüle, drückende Luft – schlagartig haben sie sich verzogen, bis zum nächsten Frühling.

Am Straßenrand verkaufen Menschen Maiskolben, gekocht auf einem Topf über einem offenen Feuer am Straßenrand. Das Angebot ist nicht sehr einfallsreich. Kilometerweit nur Maiskolben. Und auch der Kapitalismus hat noch längst nicht zugeschlagen: Sie kosten hier, hundert Meter weiter und auch am Ausgang des nächsten Dorfes das Gleiche. Es bestimmt weder die Nachfrage das Angebot noch das Angebot die Nachfrage. Was hier zählt, sind ein paar Dram, die für Brüder, Schwestern, Kinder, Enkel, Großeltern oder Tanten ein paar neue Schuhe oder Medizin bedeuten könnten. Armut macht genügsam, und manchmal auch einfach nur einfallslos. Fünfzig Kilometer weiter gibt es nur Wassermelonen, oder nur Äpfel und Pfirsiche, oder nur Weintrauben, oder nur Brot.

Plötzlich sehen wir blonde Schöpfe mitten auf der Straße, die flink den Weg in ein Dorf suchen. Eine ganze Gruppe – fünf, sechs Jungen und Mädchen unterschiedlichen Alters, die strohblond und blauäugig aus der allgemeinen armenischen Physiognomie herausbrechen. Francois dreht um. Wir sind neugierig, welche schwedische Stewardess hier eine Großfamilie gegründet hat oder ob die Holländer eine Art abtrünnige Kolonie etabliert haben. Wir fahren durch eine vernachlässigte Straße den Hügeln hinunter, vorbei an blauen Häusern und noch mehr blond-blauäugigen Kindern. Sie verstehen weder Deutsch, noch Englisch, und meine vereinzelten Brocken Niederländisch kommen auch nicht gut an. Doch Russisch sprechen sie. Auf der Hauptstraße des Dorfes treffen wir auf blonde Frauen mit Kopftüchern und Männer mit rauschenden roten Bärten. Francois spekuliert auf russische Mormonen. Robert, ein deutscher Ethnologe, der meine Wohnung in Georgien als Anlaufpunkt für seine Reisen durch den Kaukasus genutzt hat, klärt mich später auf: Die blonden Geschöpfe sind Altorthodoxe – eine Abspaltung der russisch-orthodoxen Kirche, die sich inzwischen in viele Untergruppen gliedert.

Die Altorthodoxen siedelten sich im Ausland oder in Randgebieten des russischen Imperiums an, weil sie vom zaristischen Reich im 18. Jahrhundert verfolgt wurden. Die Blonden freuen sich über unser Interesse und unser fasziniertes Staunen. Mitten im armenischen Nichts leben sie in ihrem Dorf, dass sie “Lermontovo” benannt haben, nach dem großen russischen Dichter und Lyriker. Hellblaue Häuser säumen die fünf Straßen von Lermontovo, die Giebel geschmückt durch das Zeichen der Altgläubigen. Blonde Mädchen mit Schleifen im Haar grinsen uns an. Als wir das Dorf verlassen, scheint mir die Begegnung schon nach zwei Minuten wie eine Fata Morgana.


Und dann ist sie da wieder – die Grenze. Eine Linie auf der Landkarte zwischen zwei Ländern, deren Völker sich seit Jahrhunderten mischen und die sich doch nicht so recht vertragen möchten. Die Georgier, zusammengesetzt aus Mengrelen, Imereten, Tuschen, Svanen, Lasen und Kisten, und die Armenier, die Griechen, Russen, Kurden und Aramäer auf ihrem Boden beherbergen. Zwei Völker, zusammengesetzt aus Völkern, die sich gegenseitig nur vorsichtig annähern, Lager bilden, Standesdünkel und Vorurteile pflegen, in einem kleinen Teil der Welt in dem über vierzig Sprachen gesprochen werden. Zwei Völker, die angeführt werden von einer politischen Elite, die sich der ethnischen Differenzen in Wahlkämpfen bedient um vermeintlich kurzfristige Triumphe zu sichern – in einer Region, in der es Menschen unterschiedlichster Herkunft, Sprache und Religion gelang über längere Perioden friedlich zusammenzuleben. Sogar in der Metro wird er geschürt, der Nationalismus. Und niemand protestiert. Da flimmern die Werbespots fürs Militär über die Bildschirme, während man auf der Rolltreppe fährt – den langen Weg in den Untergrund. Leni Riefenstahl hätte ihre wahre Freude an diesen Massenaufmärschen in Farbe gehabt, die georgische Flaggen hoch gestreckt gen Himmel, Weiß und Rot vor Blau: Eine Familie sitzt beim Abendessen. Über den Fernseher flimmern Kriegsbilder. Georgien im Krieg. Mit wem, oder warum, oder wer gar Angreifer und Verteidiger sind, wird nicht klar. Entsetzen macht sich auf den Gesichtern der Familienmitglieder breit, und Entschlossenheit. Das Telefon klingelt. Der Mann nimmt den Hörer ab, nickt und geht zum Schrank um seine Militäruniform zu holen. Stolz strahlt der Sohn den Vater beim Abschied an. Die Frau weint ihrem todesmutigen Mann keine Träne nach. Auf der Straße gehen seine Stiefel unter in diesem aufmarschierenden Meer von Stiefeln, Uniformen und Fahnen. Ich kann nicht begreifen, was ich hier sehe, in aller Öffentlichkeit auf der Rolltreppe der Rustaveli-Metrostation. Vielleicht liegt es daran, dass ich Deutsche bin und mir die Empfindlichkeit gegen derartige Bilder in die Wiege gelegt ist, doch es scheint niemanden zu kümmern, was hier gespielt wird. Manchmal glaube ich, ich bin im Wahnsinn angelangt. In der Surrealität des Kaukasus, abseits von Vernunft und normalen Menschenverstand – weit weg von common sense, wie der Engländer sagen würde.


Am Abend unserer Rückreise sitze ich in Japan, eigentlich in der europäischen Version von Japan. Ich esse California Roll mit Stäbchen in einem japanischen Restaurant europäischen Stils in Tbilisi und trinke französischen Weißwein. So dekadent dies ist, so unwirklich scheint es auch. Ich denke darüber nach, wie man es mit Leichtigkeit schafft Japan, Amerika und Frankreich an einen Tisch in Georgien zu kriegen ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Kulinarisch natürlich. Und wie es im gleichen Atemzug unmöglich scheint, Menschen zu einen, die sich über Jahrhunderte hinweg über ihren Turm zu Babel friedlich verständigt haben. Ich merke, dass sich mir das nie erschließen wird. ich weigere mich, das zu verstehen. Und ich hoffe, ich bin nicht allein.

Demnächst mehr auf http://georgien.blogspot.com/

Teil 14: Bombastic Plastic.

Teil 12: Armenien ist nicht Georgien. Oder: Der Wall gegen die Hoffnungslosigkeit.

Patricia Scherer in Georgia (Caucasus) photos


Patricia Scherer
freie Journalistin
vom 15. Juli bis 30. September 2007
Barnovis Kutscha 39
0160 Tbilissi, Georgien
Tel. +995-32-982966
Mobil +995-95-764296
Mailto: patricia@patricia-scherer.de
Skype: patriciaworldwide
www.patricia-scherer.de

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