REPORTAGE (12):
Armenien ist nicht Georgien.
Oder: Der Wall gegen die Hoffnungslosigkeit.

Text und Photos von Patricia Scherer

Hier im afrikanischen Georgien, in dem Teil, in dem die Georgier Azeris sind und die Azeris vielleicht sogar Armenier, hier ist noch mehr als nichts. Landschaft, die sich dehnt am Fluss entlang. Ein alter Lada, der den Pflanzen als Blumentopf dient. Ein paar Vögel, die sich im Flussbett sonnen. Sonst… sonst ist hier nichts. Ein Schmetterling, der in gelbe Blütenkelche taucht. Und nach Kilometern endlich ein Haus, nein, eher eine Hütte. Kinder leben hier, zwei Jungen mit hellbraunen Haaren, vielleicht acht und zwölf Jahre alt. Und drei Mädchen mit kornelkirschfarbenem Blick und pechfarbenem Haar, vielleicht sechs, dreizehn und fünfzehn. Mutter oder Vater sind weit und breit nicht zu sehen. Vielleicht sind es ja die Hirten mit der Schafsherde, die sich in den Schatten unter einem Baum ausruhen, während ihre ältesten Töchter die Jüngeren versorgen.

Dvorak klingt aus dem Lautsprecher, während wir im Jeep dem Debet zur armenischen Grenze folgen. Dvorak war oft auf Reisen ins Unbekannte. An der Grenze zu Armenien stehen Lastwagen und Autos – hunderte. Die Wartezeit ist unberechenbar, ähnlich wie die Bürokratie an der Grenze. Der armenische Grenzbeamte fragt meinen Fahrer: Your wife? – No, a friend. – A good friend, stimmt der Beamte zu, und grinst wissend. Klischees sind auf der Welt also doch alle gleich. Wenigstens die. Die armenischen Grenzbeamten fallen mir auf, durch ihre vorgetragene Männlichkeit und ihre Schuhe. Hier stehen sie in Uniformen, die mich an die alten Speihgrünen unserer Polizisten erinnern, mit Ray Ban Brillen und polierten, spitzen Lederschuhen, die auch in Mailand oder Paris en vogue sein könnten, und entscheiden über Grenzen. Du darfst, Du nicht, Du darfst, Du nicht. Wie Türsteher in Nobel-Diskotheken, nur dass ihr Großraum mit mehreren Tanzflächen ein ganzes Land ist. Wir Europäer, wir dürfen mittanzen, gegen 30 US Dollar in einem Land das Putin nahe steht.

Die Straße ist eine Wohltat, so als hätte man sie erst vor ein paar Tagen geteert. Schlaglöcher sind georgische Vergangenheit, neue Straßen armenische Gegenwart. Der Schlucht des Debeds umschließt uns in grünem Flaum. Die Hügel sind dicht bewachsen mit Bäumen. Neben der Straße verläuft die Eisenbahnstrecke, eingleisig. Am Straßenrand stehen die Bauern, so wie sie noch vor einigen Jahren in Georgien standen, bevor die Regierung entschied, dass Repräsentation wichtiger sei als das Überleben auf dem Land. Die Bauern bieten Beeren, Pfirsiche, Pflaumen an – das was eben so wächst in ihren Gärten zwischen den bestellten Feldern. Die Armenier scheinen fleißig zu sein, und sie scheinen sich das sowjetische System der Kolchose hinübergerettet zu haben in eine neue, unbekannte und wenig vertrauenerweckende Zeit. Große Mähdrescher rattern über die Felder, Männer sammeln das Heu zusammen in Ballen. Etwas, was ich in meinen ganzen Reisen durch Georgien noch nie gesehen habe. Kein Mann hockt Kerne kauend auf der Straße, kein Feld liegt brach, in den Vorgärten blühen Margeriten und Sonnenblumen. Enten und Gänse watscheln aufgeregt über die Straße, wenn ein Auto oder ein Eselskarren sich nähert. Menschen sind kaum zu sehen. Hier und da ein paar Kinder, die in den frischen Pfützen spielen.

Die Städte – Alverdi, Vanadzor, Sevan – sie erinnern an die Zeit der sowjetischen Vorherrschaft. Plattenbauten türmen sich gen Himmel, die Straßen sind breit und lang. Wäsche und Satellitenschüssel schmücken nun einheitlich die Balkone. Dahinter machen sich grüne Hügel in der Landschaft breit. Trist weinen alte Industrieanlagen um ihre Tage als Vorzeigeobjekte der sowjetischen Industriemacht. In Vanadzor scheint nur die Seilbahn in ihren ungeputzen Ecken noch etwas vom alten Feenstaub zu sammeln. Mühsam erhebt sich die Kabine um den Berg zu erobern, alle zwanzig Minuten aufs Neue. Ich und meine Höhenangst, wir haben Respekt vor dieser sowjetischen Meisterleistung, die 15 Jahre nach dem Ende des Regimes immer noch den Berg bezwingt. Betreten werden wir sie nicht. Allein der Gedanke ist beklemmend.

Und dann, dann sehen wir ihn, den Sevan See im Sonnenuntergang. Der Mond steht schon am Himmel. Dunkle Schatten sammeln sich am Strand. Erst am nächsten Morgen werden die Ausmaße des Sees für uns fassbar. Im morgendlichen Sonnenschein schillert der See wie ein Meer in mächtigen Blautönen. Unser Entschluss steht fest, wir wollen ihn einmal umrunden, vorbei an armenischen Kirchen und Klöstern, an Denkmälern der Diaspora und Dörfern, die kaum Menschen sehen.

Auf der Halbinsel von Sevan erhebt sich ein Kloster über den See. Mein Fahrer und ich gehen getrennte Wege um die Überreste des Klosters und der Kirche zu begutachten. Ich blicke durch eine Tür in die Kirche, vorsichtig und zurückhalten, gefasst darauf in meinen Hosen und ohne Kopftuch abgewiesen zu werden. In diesem Moment blicken mich braune Augen durch blaue Brillengläser an: Ich könne durch das Hauptportal eintreten. Ich gehe nicht weiter auf das Angebot ein. Doch dann finde ich mich plötzlich wieder an der Hand dieses armenischen Priesters, belustigt durch seine Fragen. – Bist Du Christin? – Ja und Nein. – Bist Du Jüdin? – Nein, auch nicht richtig. – Was bist Du? – Nicht getauft. – Nein, dass ist nicht möglich! – Doch, aber selten in Bayern. – Bist Du verheiratet? – Nein. Woher kommst Du? – Aus Armenien. Aber ich lebe im christlichen Teil Jerusalems. Bist Du allein? – Nein. – In diesem Moment rettet mich Francois. Der armenische Priester aus Israel, mit goldenem Diamant-Ring, behemdet – rosarote Steine zieren die goldenen Manschettenknöpfe – lässt von mir und meiner Hand ab. Ich entschuldige mich und betrachte die Kirche von innen.

Später, als wir im Auto um den See fahren, erzählt mir mein Fahrer, dass der Priester ein Verführer, ein Guru ist, dass er ihn, […], versucht hat in seinen Bann zu ziehen, nachdem ich geflüchtet bin. Er hat ihn beobachtet, wie er gepredigt hat, in der Kirche. Dicht an dicht gedrängt waren die Menschen, der Gestank von Schweiß und Dreck unerträglich. Und noch viel später, auf unsrer Rückfahrt, treffen wir den christlichen Priester aus Jerusalem wieder. Zu Fuß, unterwegs, im Gefolge eine Traube junger Frauen. Hat er sie verführt? Hat seine Magie mich in den Bann gezogen? Nein. Neugier hat mich getrieben. um abgelöst zu werden vom Unbehagen der Manipulation, die sein Geschäft ist. Ob wir aus Paris kommen? – Ja, lügt Francois. – Touristen? – Ja… – Er fährt nächste Woche nach Paris. – Wirklich? – Wie viel eine Fahrt im Fahrstuhl des Eiffelturms kostet? – Zirka 10 Euro. Das Restaurant ist teuer. – Wann wir zurückkehren? – Wer weiß das schon. Schließlich ist unser Ziel zuhause, Georgien, wenn auch nur für unbestimmte Zeit. Und doch sind wir noch in Armenien, auf der ausgebauten Straße mit dem Blick auf den Sevansee. Die Straße nördlich des Sees kennt schon lange keinen Teer mehr, sie lebt mit ihrem Kies und mit ihren Schlaglöchern. Die Dörfer leben vor sich hin seit die Bahntrasse sich selbst überlassen ist. Busse aus den Siebzigern ziehen langsam ihre Kurven um die Furchen und Mulden. Der Himmel zeigt sein melancholisches Gesicht. Das Heu ist der Wall gegen die Hoffnungslosigkeit, hier am nördlichen Sevansee, wo Mensch und Tier in Vergessenheit vor sich hinleben.


Demnächst: Es gibt ein zurück, von Armenien nach Georgien auf http://georgien.blogspot.com/

Teil 13: Es gibt ein zurück, von Armenien nach Georgien.Oder: Common sense in Babel.

Teil 11: Aserbaidschan ist gar nicht Armenien. Oder: Afrika liegt in Georgien.

Patricia Scherer in Georgia (Caucasus) photos


Patricia Scherer
freie Journalistin
vom 15. Juli bis 30. September 2007
Barnovis Kutscha 39
0160 Tbilissi, Georgien
Tel. +995-32-982966
Mobil +995-95-764296
Mailto: patricia@patricia-scherer.de
Skype: patriciaworldwide
www.patricia-scherer.de

Advertisements

About this entry