REPORTAGE (10):

Nach Moskau, nach Moskau…

Drei Schwestern, oder hat man Tschechow in Tbilisi
etwa schon vergessen?
Text und Photos von Patricia Scherer

Batumi, 16 Uhr nachmittags, in einem vermeintlichen Vier-Sterne-Hotel. Der Marmor ist türkis, die Stehlampen sehen aus wie eine Mischung aus Pop-Art, Kakteen und Gummibärchen, und die Dame an der Rezeption löst zunächst gelangweilt ein Kreuzworträtsel, bevor sie von einem Gast gestört wird, denn sie dann unsanft zurechtweist. Das Licht ist gedimmt, Fische schwimmen in Aquarien mit Plastik-Repliken von Neuschwanstein. Skurril. Ich habe das Gefühl, wenn ich mich noch einen Schritt weiter in dieses Etablissement wage, dann bin ich im Hotel California verloren: “You can check out any time you like, but you can never leave”. Die Georgier singen dieses Lied mit der Kleinstadt Zestaponi im Refrain. Obwohl ich schon mehrmals durch Zestaponi gefahren bin, mit dem Auto und mit dem Zug, habe ich deshalb beschlossen nie einen Fuß auf “zestaponischen” Boden zu setzen. Schließlich will ich irgendwann doch vielleicht mal nach Hause. Oder auch nach Moskau.


Batumi haben wir schnell verlassen mit dem Zug, ohne russisches MTV, vorbei an den Industrieleichen dieses Landes. Tbilisi erscheint mir plötzlich vertraut – fast wie Berlin, fast wie Zuhause. Die eignen vier Wände – ein Königreich. Wobei ich zugeben muss, dass wir ganz dekadent direkt ohne Umschweife vom Bahnhof eine Nacht in Betsy’s Hotel verbracht haben. Dem Ort, an dem vor allem amerikanische Diplomaten und Geschäftsmänner absteigen. Im Kingsize, mit Rotwein in der Badewanne, über den Dächern der Stadt, in einer Oase, die soweit weg ist von Georgien wie man innerhalb Georgiens nur sein kann. Eine Nacht nur Ausspannen, Distanz gewinnen zu diesem Land zwischen Himmel und Hölle. Weg von Lärm, Plastikmüll, Armut, Hybris.

Ein paar Tage später bin ich dann über den Dächern von Tbilisi in Moskau. Eine Freundin hat mich mitgenommen auf einen Besuch zu einer georgischen Künstlerfamilie. Vater und Großvater waren Bildhauer. Allerdings bekomme ich kein männliches Wesen zu Gesicht. Stattdessen ist dies ein Nachmittag unter Frauen. Das ist neu für mich. Ich treffe auf die Malerin Maka, ihre Tochter Nata und Makas Schwester, die Galeristin Nino. Und befinde mich mitten unter Tschechovs “Drei Schwestern”. Hier sitzt sie vor mir, offen und entzückt, die Bildungselite des Landes. Bildung, so wie sie vor der Unabhängigkeit war, vor der Revolution. Bildung mit klassischer Literatur in russischer Sprache, Bildung mit der man reisen konnte – zwar nicht überall hin, aber doch durch das was man UdSSR oder Ostblock nannte. Hier sitzen drei Generationen, die Crème de la Créme des intellektuellen Rests, der diesem Land noch erhalten geblieben ist.

Freiwillig sind sie nicht mehr hier, doch gehen können sie auch nicht: Nino, alte Schule. Sie spricht zwar Georgisch, doch ihre Hochsprache ist das Russische. Moskau, dort hat sie gelebt, dort war sie Kosmopolitin. Damals gab es Bücher in Hülle und Fülle. Bücher auf Russisch von Philosophen und Literaten. Da war alles drin von Heidegger bis Marx, von Mann bis Tolstoi. Heute gilt das was sie weiß nicht mehr, und weil sie sich nach der guten, alten russischen Zeit sehnt, ist sie sowieso auf verlorenem Posten. Damals hatte sie alles, damals, da war sie wer. Heute ist sie eine Außenseiterin, auch wenn der Wunsch nach vergangener Sowjetzeit in vielen georgischen Herzen schwelt.

Maka ist rothaarig, eine exzeptionelle georgische Schönheit. Als der Bürgerkrieg Anfang der 1990er über Georgien fegte, war Maka gerade volljährig. Der sowjetische Bildungskanon, der hat sie noch erreicht. Danach waren ihre Chancen eingeschränkt. An der Kunsthochschule hat sie studiert. Boticelli war das Thema ihrer Abschlussarbeit. Doch in den Neunzigern hatte kaum einer Zeit und Geld für Kunst. Moskau war ihre Zuflucht. Jetzt ist sie wieder in ihrer Heimat und bereitet eine Ausstellung ihrer Bilder vor, gebeutelt von Sehnsucht nach der großen, weiten Welt und den eingeschränkten Möglichkeiten einer Elite, die keiner mehr haben will.

Und dann ist da Nata, rothaarig, blauäugig, zornig, pubertär und blitzgescheit. Sie spricht fließend Georgisch, Russisch und Englisch, und sie liebt die klassische russischen Literatur, aber noch mehr liebt sie Shakespeare, Emily Bronte und Jane Austen. Nach Moskau würde sie gehen, aber noch viel lieber möchte sie nach England auf Teaparties an denen sie die feinen Gentlemen mit ihrem Geist beeindrucken kann. Nata weiß viel über die Politik in ihrem Land, und sie ist keineswegs damit einverstanden. Sie wagt es ihrer Tante Nino zu widersprechen – auf Russisch. Diese fährt ihr in Sovjetmanier über dem Mund, schließlich haben Jugendliche in diesem Land nichts zu sagen, wenn die Erwachsenen sich unterhalten. Politikwissenschaft will Nata studieren, aber nicht in Georgien, wo sich jeder Philosoph und jeder Physiker plötzlich als Politikwissenschaftler in Szene setzt. Sie will nach Europa, und dann will sie was ändern: hier, wo die Demokratie noch nicht mal mehr auf tönernen Füßen steht. Nata hat längst verstanden, dass sie anders ist als ihre Altersgenossen, die kein Russisch mehr lernen und keine Bücher mehr lesen. Das ist out. Religion ist in, Englisch und Fernsehen. Nata will nicht in sein, Nata will Nata sein. Sie ist nicht korrumpierbar. Und irgendwie hoffe ich, dass sie vielleicht einmal Präsidentin von Georgien wird – in zwanzig oder dreißig Jahren. Dann wäre Georgien vielleicht nicht Moskau, sondern dem erklärten Ziel der EU näher, und es hätte auch ein bisschen Glück gehabt.

Demnächst die Fortsetzung auf http://georgien.blogspot.com/

Teil 11: Aserbaidschan ist gar nicht Armenien. Oder: Afrika liegt in Georgien.

Teil 9: Ballermann’s Schwester!

Patricia Scherer in Georgia (Caucasus) photos


Patricia Scherer
freie Journalistin
vom 15. Juli bis 30. September 2007
Barnovis Kutscha 39
0160 Tbilissi, Georgien
Tel. +995-32-982966
Mobil +995-95-764296
Mailto: patricia@patricia-scherer.de
Skype: patriciaworldwide
www.patricia-scherer.de

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