REPORTAGE (8):


Über Schichtköpfe und Spelze
Text von Patricia Scherer
Fotos: Reinhard Schichtkopf

Manchmal, da habe ich es satt, dieses Georgien. Manchmal freue ich mich über meine Muttersprache und ein bisschen schlichten Komfort in einem Auto mit Klimaanlage. Und manchmal bin ich ein Glückspilz, weil die schönste Seite Georgiens sich verbindet mit einem Stückchen vertrauter Heimat. In der Nacht vor meinem Ausflug nach David Garedschi regnet es, der Himmel blitzt hell durch das Schlafzimmerfenster. Ich liege im Bett und beobachte die gleißenden Strahlen, lausche dem Donner und den Regentropfen und bin zufrieden. er Regen beruhigt mich, die kühle Luft dringt durch das Fenster, die Hitze eicht zäh, aber doch stetig.
Früh am Morgen wache ich auf: um acht Uhr, eine stille Zeit hier in Georgien. Sogar die Bäcker befeuern um dieser Herrgottsfrühe erst vorsichtig ihre Öfen. Um neun holt mich Günther mit seinem Freund Reinhard ab, der gerade von Deutschland nach Griechenland mit einem Fahrrad gefahren ist. Günther habe ich durch meine Arbeit kennen gelernt, er vertritt die Friedrich-Ebert-Stiftung im Kaukasus und ist ein ausgesprochen beflissener Mann mit einem scharfen Verstand und einem großen Herz. Ich merke schnell, dass ich von ihm lernen kann und freue mich, dass er mir wohlgesinnt ist. Noch ist unsere Bekanntschaft ein zaghaftes Einschätzen. Günther beantwortet liebevoll und geduldig meine ganzen Fragen über diesen Wahnsinn im Kaukasus, und sieht mir aufmerksam zu, wie ich die Informationen in meinem Kopf bewerte, einordne und katalogisiere. Wir lesen noch Diana auf, eine georgische Filmwissenschaftlerin, und machen uns dann auf den Weg über Rustawi nach David Garedschi.
Der Wagen gleitet ruhig über die Straße, die Musik ist aus, unsere Konzentration liegt beim Blick aus dem Fenster. Rustawi gleicht einem Friedhof, dem Abgesang auf sowjetisch-funktionale Industrie. Nur die Hauptstraße mitten durch den Ort schillert in bunten Farben. Blau und rosa sind die Häuser gestrichen. Die Parkanlagen sind gepflegt, Büsten und Statuen erinnern an die tiefe Poesie und Romantik von Rustaweli, dem Leib- und Magendichter der Georgier. Drumherum strecken sich Plattenbauten in den Himmel, dahinter die Metallkolosse einer längst vergangenen Zeit. Hier und da raucht es noch braun und giftig aus einem Schornsteine. Georgien exportiert Erze, Stahl, Chemikalien, Textilien, Wein, Wasser und: Schrott. Und Rustawi scheint hier unerschöpfliche Ressourcen zu haben. Träge und rostend vegetieren die alten Fabriken in der Sommerhitze vor sich hin. Die Straße hat bessere Zeiten gesehen, und wird schon lange nicht mehr vom Güterverkehr befahren. Ein Schlagloch nach dem anderen führt durch die den georgischen Industriefriedhof. Den Bürgerkrieg überlebten nur drei der 118 Fabriken. Sie pumpen nun ihre braunen Abgase in den wolkenlosen Himmel.
Je weiter wir fahren, weg von Rustawi nach David Garedschi, desto seltener werden die Erinnerungen an Mensch und Maschine. Irgendwann ist es einfach nur noch grün und blau. Die Hügel sind baumlos mit Gras bewachsen bis zum Horizont, an dem sich das Blau mit dem Grün trifft. Angeblich haben schon die Römer die Baumbestände abgeholzt. Grün und Blau, Blau und Grün, kilometerweit. Wir kommen an einen ersten verfallenen Klosterturm, ein bis zwei Kilometer vor der eigentlichen Klosteranlage von David Garedschi. Reinhard kann es kaum erwarten den Berg zu erklimmen. Oben angekommen überblicken wir über den Kamm hinweg Aserbaidschan. Auch hier im Tal ist das Nichts grün. Ein Fluss schlängelt sich vorsichtig durch tiefe Krater und am Horizont im hitzigen Flimmern scheint eine Stadt zu sein. Unten im Nichts steht einsam und allein ein Neubau. Wir rätseln, wer da mitten ins Grün dieses Gebäude gebaut hat. Was könnte es sein: eine Art Internierungslager, so was wie Sibirien im aserbaidschanischen Hinterland, eine Bauernhof ohne Tiere, der Sitz der grünen Mafia? Menschen sind nicht zu sehen. Der Turm ist markiert mit einer kleinen georgischen Fahne, wie sie auf Militäruniformen zu finden ist. Reinhard steckt sie ein und läuft weiter am Kamm entlang. Die Aussicht ist großartig. Von hieraus kann man die Schichtköpfe deutlich erkennen, sagt Reinhard. “Schichtkopf” klingt für mich wie ein Schimpfwort, und dann erblicke ich auch noch genau in diesem Moment Menschen.


Drei aserbaidschanische Soldaten, die eifrig den Berg hinauflaufen, in knallgrüner Camouflage, im Schlepptau einen kaukasischen Welpen mit kopierten Ohren. Reinhard macht mir nicht den Eindruck, als würde er Soldaten als Schichtköpfe beschimpfen. Ich komme nicht dazu, weiter nachzufragen. Der Bergkamm ist derzeit die Grenze zwischen Aserbaidschan und Georgien und wir haben sie übertreten. Was wir hier wollen, werden wir auf Russisch gefragt. Diana erklärt, dass wir Touristen sind, dass wir nur den Turm besichtigen, dass wir gleich wieder absteigen. Die Soldaten werden von unten durch ein Fernglas von ihrem Vorgesetzten beobachtet und erhalten über ein Funkgerät Anweisungen. Woher wir kommen? Wie lange wir schon im Land sind? Was wir machen? Wieso, warum, weshalb? Die jungen Burschen sind sichtlich amüsiert, denn sie haben längst begriffen, dass wir mehr als harmlos sind, keinen Terrorangriff auf einsame Militärstationen planen, und flirten sogar ein bisschen mit uns Frauen. Doch vor ihrem Oberbefehlshaber haben sie Respekt, also wird jede Frage brav an uns gestellt und auch dem Vorgesetzen beantwortet – nicht ohne ein gemeinsames Grinsen auf den Lippen. Reinhard möchte gerne ein Foto von den drei hübschen Aserbaidschanern in ihrer Waldmeister-Uniform machen. Ja, klar, das könne er, wenn der Kapitän nicht mehr guckt. Aber der schaut weiterhin gebannt durch sein Fernglas. Wir scheinen für alle Beteiligten eine nette Abwechslung. Von der georgischen Seite des Berges eilen nun georgische Uniformen den Berg herauf um uns zu retten – schließlich könnte das weiße Gebäude da unten doch ein Internierungslager für neugierige Europäer sein. Die Georgier haben den Funk abgehört. Wir verabschieden uns von den bezaubernden Azeri-Jünglingen und machen uns auf den Weg zurück zu unserem Auto, an den georgischen Soldaten vorbei, die noch ein paar Worte mit ihren Kollegen wechseln. Ein Treffen alter Freunde an einem Bergkamm zwischen Orient und Oxident, zusammen mit den Schichtköpfen.


Wir fahren nach David Garedschi und erklimmen auch hier den Berg. Die Mittagshitze ist kaum erträglich. Günther läuft, wie Mutter Maria anmutend, mit einem rosafarbenen Handtuch auf dem Kopf hinauf, schwitzend, wie wir alle. Ein Bild für Götter. Oben angekommen, lassen wir uns erst einmal im Schatten einer kleinen Kapelle nieder. Hier begegnen wir erneut den Mönchen, die flink und kraftvoll zwei Eimer nassen Zement den Berg hinauf wuchten als wir uns schon quälten. Günther kennt einen der Mönche. Freundlichkeiten und gute Wünsche werden ausgetauscht. Diana darf neben dem Kirchlein im Schatten nicht rauchen. Und Reinhardt entdeckt schon wieder Schichtköpfe.

Endlich darf auch ich zu den Wissenden gehören: Die Berge sind zusammengesetzt aus unterschiedlichen, durchaus sichtbaren Gesteinschichten, und die oberste Lage ist der so genannte Schichtkopf. Wobei Günther und Reinhard sich längst einen Spaß daraus gemacht haben, sich gegenseitig so zu bezeichnen, wenn der jeweils andere sich nicht ganz so weise angestellt hat. Also taugt “Du, Schichtkopf!” auch zum liebevollen Schimpfwort nicht schlecht. Wir gehen weiter auf der – meiner Ansicht nach – aserbaidschanischen Seite des Kamms. Nein, sagt Günther, hier ist Georgien, die Grenzen sind verwischt und unklar. Die beiden Nachbarländer haben sich auch schon um David Garedschi gestritten. Derzeit gehört es zu Georgien. Und nicht überall wo der Kamm die Grenze sein könnte, ist er es auch. Grenzlogik in einem grenzlosen Zeitalter. Die Fresken in den Höhlen sind gut erhalten in ihrer schlichten Schönheit. Die Höhlen zeigen noch Anzeichen menschlichen Daseins, wie Einkerbungen für die Holzbretter eines Bücherregals und Kuhlen, für die Aufbewahrung runder Tonkrüge. Diana und mir wurden von Freunden in Tbilisi große, böse und giftige Schlangen versprochen, doch begegnen wir zu meinem Leidwesen keiner einzigen. Hätten wir auf sie gehört, wären wir jetzt Anfang August keinesfalls nach David Garedschi gefahren und das einmalige Panorama und die herrlichen Fresken wären uns entgangen. Dafür warten ein paar Drachen aus den Zeiten der Mythen und Märchen auf uns, schockgefroren vom Schrecken unseres Anblicks in der mittäglichen Hitze: Eidechsen mit breiten Köpfen und kleinen Stachelreihen auf ihrer Wirbelsäule. Hier, jenseits des Kamms, sind wir allein mit ihnen, dem wilden, duftenden Thymian und den schönen, bunten, unbekannten Blumen, die in leuchtend Gelb, Lila und Blau den Hang dekorieren. Die windige Stille der Natur wird nur durchbrochen von dem Klicken unserer Kameras, unseren gelegentlichen Gesprächen und unseren Schritten. Angekommen am Gipfel, lassen wir uns in der Nähe eines Adlernestes nieder. Adler sehen wir leider nicht, doch die Schwalben ziehen ihre Kreise und nutzen die Aufwinde für ausgedehnte Flüge über die Schichtköpfe.


Auf dem Rückweg gehen wir an Gräsern und wild wachsenden Weizen vorbei. Reinhard und Günther amüsieren sich köstlich darüber, dass ich das Wort “Spelze” noch nie gehört habe. Das kann nur meiner naiven Jugend zuzuschreiben sein. Nun merkt man, dass sie vierzig Jahre vor mir die Schule besucht haben. Was hilft mir schon meine anthroposophische Bildung hier in der freien Natur, in der es gilt die Spelze vom Korn zu lösen, wenn man Brot backen will. Gerade in diesen Momenten merke ich, wie viel unnützer intellektueller Müll in meinem Gehirn Platz hat. Denken, das kann ich, stundenlang, ohne Sinn und Verstand. Doch praktische Lebensweisheiten, die fehlen mir manchmal. Spelze, was ein großartiges Wort. Spreu und Weizen, die schlechten ins Kröpfchen, die Guten ins Töpfchen, damit kann ich etwas anfangen – klar, das steht in Büchern, in Grimms Märchen, aber Spelze? Vielleicht sollte ich mehr fühlen als denken, in Georgien bringt einen das unter Umständen weiter. Die Poesie und die Romantik, die sich hier in der Natur verbinden, sind eher fühlbar als denkbar. Und die Menschen, die hier an imaginären Grenzen von ihrer wunderbaren Natur leben, während sie Rustawelis Gedichte auswendig rezitieren, haben vielleicht mehr Sinn und Verstand in ihrem Gefühl. Mein Sinn für Romanzen und Poeten ist komplex und analytisch, trocken und strukturiert, Sinn suchend und ständig fragend. Das kleine Teufelchen, das mich immer begleitet, fragt auch im Schönen nach dem Warum. Hier auf dem Kamm, zwischen Schichtköpfen und Spelze gibt es kein Warum. Hier ist nur das Sein, die Romantik und die Poesie.

Demnächst: Ballermann’s Schwester.

Mehr über Georgien auf dem Georgien Blogspot: http://georgien.blogspot.com/

Teil 9: Ballermann’s Schwester!

Teil 7: Wo Schatten ist, ist auch Licht?

Patricia Scherer in Georgia (Caucasus) photos


Patricia Scherer
freie Journalistin
vom 15. Juli bis 30. September 2007
Barnovis Kutscha 39
0160 Tbilissi, Georgien
Tel. +995-32-982966
Mobil +995-95-764296
Mailto: patricia@patricia-scherer.de
Skype: patriciaworldwide
www.patricia-scherer.de

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