REPORTAGE (7):
Wo Schatten ist, ist auch Licht?
Text von Patricia Scherer
Fotos von Keti Iashvili und
Patricia Scherer

Manchmal zweifle ich – an meiner Wahrnehmung, an meinen Herzensgefühlen, an der Realität. Ich zweifle, weil ich Grausamkeit und Lieblosigkeit so schwer erfassen und nachvollziehen kann. In dieser Hinsicht stellt Georgien für mich eine Prüfung da, die ich noch lange nicht bestanden habe und von der ich nicht weiß, ob ich sie je bestehen werde. Auf der einen Seite sind sie so herzlich und gastfreundlich – viele der Menschen hier – ob arm, ob reich. Auf der anderen Seite haben sie ein anderes Konzept vom Umgang mit Lebewesen, die sie als niedrig gestellt einstufen. Das gilt für Hunde, genauso wie für blinde oder behinderte Menschen.

Hunden werden schon kurz nach der Geburt die Ohren kopiert. Ich kenne inzwischen zwei Begründungen dafür: sie werden aggressiver oder sie hören besser, wenn jemand sich an schleicht. In jedem Fall werden sie die besseren Wachhunde, so sagt man mir. Einen Hund kann man schleudern, zerren, schlagen und stoßen. Sein Winseln und Jaulen des Schmerzes fährt mir durch Mark und Bein, doch hier scheint es niemand zu hören. Ich habe noch nie so viele Hunde getroffen, die dankbar waren für das bisschen Zuwendung, dass ich ihnen schenke, wenn ich kann. Ich rede mit so manch räudigem Straßenköter ein paar sanfte Worte, und wenn er nicht allzu räudig ist, gibt es auch ein paar Streicheleinheiten. Manchmal sage ich: Leute, wenn ich Georgien im September verlasse, kaufe ich mir einen Wolga, packe ihn voll, bis zum Dach mit herrenlosen Vierbeiner, und nehme sie alle mit nach Hause. Natürlich sage ich das im Spaß – ich brauche weder ein Auto, noch will ich aus Straßenhunden Haustiere machen, doch die Georgier lächeln mich höflich an, und ich sehe in ihrem Blick, dass sie der festen Überzeugung sind: “es kali uberaffs”. Das heißt so viel wie: In dieser Frau weht der Wind, mit anderen Worten: in ihren Augen kann ich nicht mehr ganz bei Trost sein. Ich glaube, das bin ich auch nicht. Noch weniger, seitdem ich hier bin.

Behinderte und Blinde kommen gleich nach den Hunden. Wobei ich sagen muss, nicht nach allen Hunden. Ein neuer Trend in Tbilissi geht zum Rassehund. Eigentlich gibt es wenige Grünflächen, wo man seinen Dalmatiner ausführen könnte, doch er wird an der Leine “bei Fuß” durch die staubigen Straßen stolziert. In diesem Moment bin ich mir nicht sicher, wer es da besser hat: der Straßenhund oder das reinrassige Statussymbol.

Vor über einem Jahr habe ich die Blindenschule in Tbilissi besucht. Es gibt nur diese eine im ganzen Land. Nicht alle Kinder sind blind, einige haben starke Sehbehinderungen. Sie könnten sich orientieren, Umrisse wahrnehmen, Farben erkennen – wenn es hell wäre. Doch die Flure der Blindenschule sind schummrig. An Strom fehlt es nicht mehr. Die ganze Stadt ist beleuchtet, wie ein überfrachteter Weihnachtsbaum. Scherzhaft nenne ich diese Festbeleuchtung “Saakashvilis Shuki”, was so viel heißt wie Saakashvilis Licht. Der Präsident scheint zu viele Winter in den Vereinigten Staaten von Amerika verbracht zu haben, denn er hat ein Faible dafür Brücken, Häuser, Springbrunnen und Fernsehtürme mit bunten Lichterketten auszustatten. Und das in einer Stadt, in der die meisten Menschen um die Finanzierung einer Glühbirne ringen.

Die Kinder in der Blindenschule lernen durch zuhören. Es mangelt an haptischem Unterrichtsmaterial, an Büchern in Blindenschrift, an akustischen Geräten. Viele der Kinder werden hier abgesetzt von ihren Eltern, die sie nicht betreuen können. Einige kommen nie wieder. Als ich 2005 hier war, sprang mein Gutmenschentum an. Ich habe überlegt, wie ich für diese Kinder auf meine Weise etwas tun könnte und mich dazu entschieden einen Trailer für eine Dokumentation über diese und ähnliche Projekte zu finanzieren und zu drehen. Projekte, die von Einzelnen oder auch großen Institutionen in Deutschland initiiert und gefördert werden.

Die Blindenschule in Marburg versucht die Verhältnisse in Zusammenarbeit mit Gogi Tschelidze – einem Georgier, der in Nordrhein-Westfalen lebt – zu verändern. Die Redaktionen wollten keinen Film über dieses Thema – das ist berechtigt: Georgien liegt außerhalb unseres deutschen Erfahrungshorizonts, es gibt so viele dieser Projekte über die berichtet wird. Und so viele arme, hilflose, missachtete Lebewesen da draußen auf unserem Globus. Alles spricht von der Globalisierung, von der Tatsache, dass die Wege immer kürzer werden, dass wir immer enger zusammenrücken. Doch das hier ist ganz weit weg von allem. Die Blindenschule war ein Vorgeschmack auf das Kinderheim in Gremi. Die Sowjetische Pädagogik lässt keine Empathie zu. Da ist kein Raum für die Vorstellung, dass auch ein behinderter Mensch Talente hat, oder einfach nützlich sein kann, und vielleicht auch sein möchte, in dieser Gesellschaft. Siebzig Jahre lang wurde dieses Gedankengut praktiziert. Die Betreuerinnen vor Ort haben es verinnerlicht. Sie kontrollieren ihre Herde des Handicaps und des Wahnsinns. Ihre Herangehensweise war siebzig Jahre lang richtig, ein Infragestellen gleicht der Blasphemie. Ich war immer der Überzeugung, dass das Herz größer und stärker ist als jede Propaganda. Jetzt weiß ich es nicht mehr.


In Gremi lebt Tschitschiko. Sie hat ihr Kind nicht freiwillig bekommen, mit 14 geschwängert von einem Nachbarn. Sie schlägt ihr Kind, mit der Begründung, dass sie es auch nicht anders erlebt hat und sie beschützt es nicht, weil sie es hasst. Die große Wunde in Tschitschikos Seele fühle ich, sie schmerzt mich. Unter der harten Oberfläche dieses burschikosen Mädchens, das jeden Satz mit einem Schimpfwort anfängt kann ich nur erahnen, wie tief die Wunde ist. Tschitschiko wird verachtet, für das was sie ist. Eine 16-jährige mit einem unehelichen Kind. Ein Kind mit einem Kind. Ihre Familie will sie nicht, zur Schule geht sie nicht, ihr Zuhause ist Gremi. Zukunft, was ist das?

Dato fiel als Kleinkind aus dem Fenster. Seine Beine sind seitdem gelähmt. Seine Mutter konnte ihn nicht betreuen, seine pubertierende Schwester war überfordert, und ließ ihn immer wieder bei Freunden. So landete er im Rollstuhl auf der Straße, dann im Straßenkinderheim in Tbilisi und nun über Umwege in Gremi. Dato ist klug, seine Beine sind nicht funktionstüchtig, doch sein Gehirn ist schnell. Trotzdem darf er nicht zur Schule gehen. Oft ist er aggressiv und schlägt um sich. Niemand ruft ihn zur Ordnung, niemand beschäftigt ihn. Niemand fühlt, was er fühlt. Niemand erklärt ihm, dass er nicht schuld daran ist, dass keiner ihn haben möchte. Zukunft, wo ist sie?

Mein Herz ist größer als mein Verstand. Meine Gedanken stehen in meinem Gesicht, und Ehrlichkeit zählt für mich mehr als Diplomatie und Höflichkeit. Ich muss mich nicht unbedingt beliebt machen. Der kleine Nika sitzt nun seit Stunden brav und still auf dem Schoss von einer Betreuerin. Ich frage, ob der 18-Monate alte Junge nicht laufen könne. Doch, natürlich. Warum darf er nicht? Wir können ihm nicht auch noch hinterher rennen. Susanna sieht mich an und ich kann ihre Gedanken lesen, bevor sie den Satz auch nur beginnt. Ich stehe auf, gehe auf Nika zu und sage: Du kannst laufen? Das glaube ich nicht, zeig mal! Zielstrebig entreiße ich der Betreuerin unter Protest den Jungen und gehe spazieren. Er freut sich über alles, was er anfassen darf: er klatscht in die Hände, hebt Steine hoch, nimmt sie in den Mund und schmeißt sie herum. Die Begeisterung ist groß. In Gremi gibt es viele Gefahrenzonen für einen kleinen Jungen, der die Welt nicht kennen lernen darf. Einen großen bissigen kaukasischen Hirtenhund, zum Beispiel, der hinter einem viel zu grobmaschigen Drahtzaun lebt. Tiefe Löcher, Treppen ohne Geländer. Und eben diesen kleinen Jungen, der sich noch nicht einmal umdreht, wenn man seinen Namen ruft. Erst am Ende des Tages, auf dem Weg zurück, durch die Nacht nach Tbilisi fällt mir auf, dass Nika den ganzen Tag nicht geweint hat. Vielleicht folgt der Herzlosigkeit zum Schutze der Stumpfsinn. Zukunft, was denkst Du?

Temuna verfolgt meinen Spaziergang mit Adleraugen. Häufig sitzt sie in meiner Nähe und betrachtet mich ganz genau. Sagen tut sie nichts. Rückblickend hoffe ich, dass sie in mir etwas Schönes und Gutes erkannt hat mitten in meiner schwarzen Seele. Auf der Rückfahrt erfahre ich, dass Temuna ihre Mutter verloren hat bei einem Ritualmord, veranlasst und ausgeführt aufgrund von niederer Eifersucht. Sie musste zusehen, und ich frage mich, ob sie genauso hingesehen hat – so, wie sie mich jetzt ansieht. Die Tränen wandern über mein Gesicht in diesem Moment, in dem ich mir das vorstelle. Keiner redet mit Temuna über das was passiert ist, niemand hier in Gremi fühlt sich dem gewachsen. Das ist mehr als verständlich, doch da sitzt eine 16-jährige gefangen hinter einem durchdringenden Blick, die ihr Schneckenhaus vielleicht nie wieder verlassen wird. Zukunft, was hast Du mit der Hoffnung gemacht?

USAID will im Herbst eine Kampagne starten um behinderte Menschen besser in die Gesellschaft zu integrieren. Ob USAID das Geld und das Durchhaltevermögen, vor allem das Durchhaltevermögen hat, wage ich zu bezweifeln.

Das Bildungssystem in Georgien wird gerade reformiert. Moderne humanistisch geprägte Soziologie, Pädagogik und Psychologie sollen demnächst unterrichtet werden. Ich frage mich, wer das unterrichten soll – hier im Land gibt es niemanden. Und die, die die Möglichkeit hatten im Ausland zu lernen und zu erfahren – sie kommen nicht zurück. Ich frage mich, ob man Empathie überhaupt lernen kann. Zukunft, sag Du es mir.

Temi Community January 2007 127 photos

Teil 8: Über Schichtköpfe und Spelze

Teil 6: Schattenseiten und Lichtblicke

Patricia Scherer in Georgia (Caucasus) photos


Patricia Scherer
freie Journalistin
vom 15. Juli bis 30. September 2007
Barnovis Kutscha 39
0160 Tbilissi, Georgien
Tel. +995-32-982966
Mobil +995-95-764296
Mailto: patricia@patricia-scherer.de
Skype: patriciaworldwide
www.patricia-scherer.de

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