FERNSEHEN:

Wie Luft zum Atmen
Ein Film von Ruth Olshan
arte – 04. 08. 2007, 22:35 Uhr
Wiederholungen: 05.08.2007 um 06:00

Dokumentation, Deutschland 2005, ZDF, Erstausstrahlung (gekürzte Fassung)
Die deutsche Übersetzung von Irma Berscheid-Kimeridze

Nachdem der Frauenchor Tutarchela in Deutschland war, der u.a. beim Weltmusik-Festival in Rudolstadt in diesem Sommer die Festivalbesucher entzückte, kommt nun endlich der Film von Ruth Olshan, in dem die Sängerinnen genauso charmant den Kinobesucher verführten, nun endlich ins Fernsehen. Somit wird jetzt wieder einmal die Musik und der Tanz im Kaukasus auch einem breiten Publikum zugänglich.

Idyllisch zwischen Kaukasus und Schwarzem Meer gelegen und von der Sonne verwöhnt, war Georgien einst das Badeparadies der Sowjetunion. Heute wird das Land von den Touristen Westeuropas «entdeckt». Über die landschaftlichen Reize hinaus besitzt Georgien eine eigenständige Kultur, die sich unabhängig von den umliegenden Ländern Russland, Türkei, Armenien und Aserbeidschan entwickelt hat. Im Zeitalter von MTV und Globalisierung fällt auf, wie stark sich auch junge Leute auf die alten Lieder und Tänze beziehen. Ruth Olshan lädt ein auf musikalische Entdeckungsreise durch ein Land, in dem Musik und Tanz so wichtig sind «wie Luft zum Atmen».

Die Wohnblocks wirken heruntergekommen, dazwischen das staubige Braun der durch die Hitze versengten Grünflächen. In einer Privatwohnung treffen sich die jungen Frauen regelmäßig zum Singen. Ausgelassen albern sie herum, erzählen sich den neuesten Tratsch, bis plötzlich eine von ihnen eine rhythmische und eingängige Melodie anstimmt. Sofort fallen die anderen ein, umarmen sich, lachen beim Singen, sind – bei aller Ausgelassenheit – hoch konzentriert. «Musik ist für uns eine Auszeit vom Alltag», sagt eine Sängerin, «wirtschaftlich geht es uns nicht so besonders». Tatsächlich hat die Kultur hier einen enorm hohen Stellenwert, ist, wie die Leiterin des Chores später sagt, «wie Luft zum Atmen».

Männer und Frauen singen und tanzen in Georgien in der Regel getrennt. Bei aller Aufgeschlossenheit der westlichen Moderne gegenüber sind die Traditionen des überwiegend christlich orthodoxen Landes mächtig. Geografisch gesehen liegt Georgien im westlichen Asien, die Bewohner sehen sich jedoch eher als «Balkon Europas». Tatsächlich bildet Georgien eine kulturelle Insel im Übergang von Orient zu Okzident und von Asien zu Europa. Davon zeugen unter anderem eine eigene Schrift und Sprache, eine Küche, deren Reichhaltigkeit ihr den Ruf einbrachte, die Haute Cuisine Russlands zu sein, und eine Musik, die aufgrund ihrer Einzigartigkeit von der UNESCO in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen wurde. Ihre Mehrstimmigkeit, die sich lange vor der europäischen Polyphonie herausbildete, ist fast eine Volkskunst. Wo sonst sind Menschen auf der Straße dazu in der Lage, derart komplexe Klänge aus dem Stegreif zu intonieren?

Musik ist das Lebenselixier der Georgier: Die Ausbildung an mehreren Instrumenten und zum Tanz ist üblich. Stolz sind die Jugendlichen, wenn sie in den Nachwuchs eines der großen Tanzensembles aufgenommen werden. Unter dem Einfluss der Sowjetunion wurden die Volkstänze zu virtuosen Revuen aufpoliert, um ihren Siegeszug zum Broadway und von da aus in die Welt anzutreten. Doch allem propagandistischen Popanz zum Trotz sind Musik und Tanz Ausdruck georgischer Identität geblieben.

ARTE

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