REPORTAGE (4):

Georgische Zen-Übungen II,
oder: Als Gott die Erde küsste

Von Patricia Scherer

Derzeit wird immer noch diskutiert. Heiß diskutiert. Den ganzen Weg vom Grünen Kloster zur Straße hin diskutieren sie – die frischgebackenen Reiseführer und die Übungstouristen. Die Nachmittagssonne scheint, während eine andere Reisegruppe aus Kindern und Jugendlichen auf der Wiese, die als Busparkplatz dient, eine Mischung aus Völkerball und Rugby spielt. Ich lehne an den Bus, beobachtete das Treiben, dass mir körperliche Schmerzen bereitet und lausche mit einem Ohr der georgischen Diskussion. Zwei, drei oder vier Stunden bis Vardzia? Werden wir im Dunkeln ankommen und wann wird es überhaupt dunkel? Ja, und die Zelte, die Zelte müssen wir dann im Dunkeln aufbauen, oder? Ich nehme schon mal im Bus Platz, weil ich mir nicht noch mehr virtuelle blaue Flecken durch Bodycheck-Völkerball zuzuziehen will und wundere mich, dass keines der jüngeren Kinder beim Zusammenprall mit Ball und Spielgenossen in Tränen ausbricht. Ich wäre schon längst heulend aus der Schusslinie geflüchtet.
Dann
plötzlich steigen doch alle in den Bus, und wir fahren – nach Vardzia. Wir passieren abwechselnd tiefe Schluchten, grünbewachsende Berge und karge vulkanische Landschaften. Aus dem hinteren Teil des Busses strömen georgische Liebeslieder nach vorne, inbrünstig interpretiert. Es dämmert und die Hügel sind in ein zartes Orange getaucht. Eine Gruppe Übungsobjekte singt nun auch vorne im Bus – man könnte es polyphonen Gesang nennen, doch es klingt leider ein bisschen schief, abgesehen davon, dass Chor vorne und Chor hinten nicht das gleiche Lied singen. Ich versuche die Misstöne zu ignorieren in dem ich noch weiter in die Landschaft eintauche und nehme mir vor für meine nächste Busreise auf studentisch-georgische Art Oropax zu besorgen.
Zweieinhalb
Stunden später kommen wir in Vardzia an: der Abend ist fast rabenschwarz und man kann nur noch erahnen was uns da im Morgenlicht in den Bergen erwartet. Jetzt heißt es erst mal: Zelte aufbauen und Feuer machen. Und diskutieren. Stangen, Haken, Seile, Über- und Unterzelte sollen zu einem großen Ganzen zusammengefügt werden. Eine wirkliche Herausforderung im matten Scheinwerferlicht der Busse. Ich habe vor ein paar Jahren fast zwei Monate in einem Zelt ähnlichen Typs verbracht, doch ich kann mich nicht verständlich machen und mein deutschsprachiger Begleiter Irakli traut meiner Expertise offensichtlich nicht. Das Warum kann ich nicht genau erfassen, doch mich beschleicht das zarte Gefühl, dass es eine Mischung aus meiner Rolle als Gast und meiner Existenz als Frau ist, die ihn davon abhält sich beim Hausbau auf mich zu verlassen.
Ich
gebe zu, meine Geduld hängt inzwischen am seidenen Faden. Ich bin müde und durstig, und bevor ich ungehalten werde – was mir durchaus manchmal passiert – beschließe ich weiter mit meiner Handytaschenlampe Holz für das Feuer zu sammeln – so bin ich abgelenkt, kann die zahllosen Sterne dicht an dicht am Firmament bewundern und bin erst einmal weit entfernt vom Anfängerkurs im Zeltaufbau. Als ich zurückkomme stehen die Zeltpaläste in Reih und Glied und alles ist in heller Aufregung, denn jetzt geht der Ernst des Abends erst richtig los. Alle tragen ihre ess- und trinkbaren Dinge zusammen, setzen sich im Kreis unter einen Baum mit ausladendem Blätterdach, und pausern und plaudern. Ich bin überladen mit schiefen georgischen Gesängen, Eindrücken und Landschaften und will jetzt nur noch eins: ins Zelt und in meinen Schlafsack, weg vom Lärm und vom Geschnatter der fröhlichen, touristischen Übungsveranstaltung. In diesem Moment ist mir alles egal: natürlich verpasse ich ein wunderbares, geselliges Zusammensein und ein geteiltes Essen, aber mein Bedürfnis nach Rückzug und Einsamkeit ist stärker. Irakli hat ein paar Leckereien für mich zusammengestellt und bringt sie mir ans Zelt, doch sogar dafür fehlt mir jetzt die Offenheit und die Kraft. Der Schlafsack scheint mir wie ein Schutzwall gegen eine Überdosis intensives Georgien, und ich versuche zu schlafen und mich auf den Aufstieg in die Höhlenstadt Vardzia zu freuen.

Varzia ~ ვარძია
Uploaded on February 9, 2007 by Vladimer Sichinava

Mein treuer Begleiter kriecht gegen zwei Uhr vorsichtig in seinen Schlafsack, gegen sechs ist er schon wieder auf den Beinen, während ich mich noch einmal umdrehe und die warmen Sonnenstrahlen genieße, die nach der kalten Nacht auf das Zeltdach scheinen. Die meisten Mitreisenden haben ihre Unterkunft bisher gar nicht von innen gesehen und mühen sich nun schlaftrunken in ihre provisorischen Behausungen. Irakli eröffnet mir erst jetzt im Morgengrauen, dass er noch nie in einem Zelt geschlafen hat, und nach seiner nunmehr vierstündigen Erfahrung in dieser leichten Behausung nicht im Traum daran denkt, dieses Erlebnis zu wiederholen. Sein Misstrauen scheint dem Zelt an sich gegolten zu haben und weniger mir und meiner einschlägigen Erfahrung als Camperin. Ich hatte mich schon gewundert, warum er noch am Abend sichtlich beängstigt die Möglichkeit in Betracht zog, nachts im Zelt von Schakalen gefressen zu werden und deshalb dafür plädierte, dass man wechselnde Schichten zur Bewachung und Verteidigung gegen Menschenfresser und sonstiges Getier einteilen sollte.
Als
es mir in meinem Schlafsack zu warm wird, packe ich unser Zelt zusammen, und wir stehlen uns zu dritt und ohne Bisswunden davon, um den Aufstieg nach Vardzia zu wagen. Es ist heiß und still und die Sonne brennt unerbittlich hinunter. Auf unserem Weg nach oben begegnen wir einem rothaarigen, bärtigen Mönch, der von Kopf bis Fuß schwarz gekleidet ist und forschen Schrittes den Berg hinuntereilt. Anscheinend hilft tägliches Beten dabei, die Hitze zu ertragen: eine andere Erklärung kann ich in diesem Moment für sein schweißtropfenfreies Gesicht im hochgeschlossenen Talar nicht finden. Zwischen fünf und zehn Mönche leben in den Höhlen von Vardzia. Nicht unweit entfernt bewirtschaften sie ein paar Felder und Gemüsegärten und melken abgezählte Kühe. Das sie wirklich in diesen, von Menschen im 12. Jahrhundert hoch am steilen Hang in den Berg gegraben, Höhlen leben, ist außerhalb meiner Vorstellungskraft: Doch dann kann ich Vardzia mit eigenen Augen sehen, den Stein berühren, die Treppen erklimmen. Königin Tamar hat die Höhlenstadt erbauen lassen: 13 Stockwerke als Festung gegen die Mongolen mit sechstausend Kammern, zu betreten durch ein ausgeklügeltes Tunnelsystem mit nur einem einzigen kleinen Eingang am Fluss. Unbegreiflich erscheint mir das, doch ich stehe mitten in einer der nun offenen Kammern und kann in die überwältigende Schönheit der knallgrünen Hügel gegenüber blicken. Ich bin nicht sehr religiös, doch hier muss Gott die Erde geküsst haben.

Der Mönch Georgi von Vardzia

Mehr Atemberaubung demnächst auf http://georgien.blogspot.com/

1. Photo: February 9, 2007 by Vladimer Sichinava

2. Photo: von Hans Heiner Buhr

Teil 5: Blicke über den Treppenabsatz, oder: Rückkehr von Vardzia

Teil 3: Georgische Zen-Übung, oder: Versuchskaninchen auf Touristenreise


Patricia Scherer
freie Journalistin
vom 15. Juli bis 30. September 2007
Barnovis Kutscha 39
0160 Tbilissi, Georgien
Tel. +995-32-982966
Mobil +995-95-764296
Mailto: patricia@patricia-scherer.de
Skype: patriciaworldwide
www.patricia-scherer.de

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