REPORTAGE (3):

Georgische Zen-Übung, oder:
Versuchskaninchen auf Touristenreise.
Von Patricia Scherer


Samstag früh, kurz nach Acht: Ich mache mich auf den Weg durch die noch stillen Straßen Tbilissis zum Tourismus Department. Um neun Uhr soll es los gehen nach Borjomi und in die Höhlenstadt Vardzia. Junge Nachwuchs-Reiseleiter sollen ihre neu erworbenen Kenntnisse in der Praxis umsetzen und Irakli und ich sind zusammen mit etwa vierzig anderen jungen Menschen zum Übungsobjekt auserkoren.

Die Fahrt ist umsonst, die meisten anderen Übungsobjekte sind Studenten, und das ganze Unterfangen hat ein bisschen was von einem Schulausflug. Überall an den Bussen, auf verteilten T-Shirts und Caps, auf Zelten, Schlafsäcken und Isomatten prangen die Logos der Sponsoren: Lukoil, Procredit Bank, Borjomi Mineralwasserfabriken. Um halb elf fahren wir los, nachdem alle anderen Versuchskaninchen eingetrudelt sind, man ausgiebig geplauscht und geraucht, und sich dann allmählich einen Platz im Bus gesucht hat.

Doch, welch Überraschung, wir fahren zunächst nicht in Richtung Borjomi oder gar Vardzia. Es geht zum Schildkrötensee mitten in der Stadt und ich denke mir: so ein kleiner Badeausflug hat bei 30 Grad im Schatten bestimmt auch etwas Schönes. Doch weit gefehlt – hier geht es keineswegs darum, sich im kühlen Nass zu erfrischen. Ich und die anderen Übungsobjekte sollen als Komparsen eingesetzt werden. Die Busse, fünf Stück an der Zahl, die nicht nur nach Vardzia, sondern auch nach Swanetien und Chewsuretien fahren, werden in Reih und Glied aufgestellt, so dass die Logos der Sponsoren sich nun im Besten Licht präsentieren. Plötzlich erscheinen fünf Kamerateams – erstaunlich, dass ein so kleines Land wie Georgien überhaupt so viele Fernsehsender hat -, desweiteren Radioreporter und Zeitungsschreiberlinge, die die frischen Reiseleiter und die Vertreter der Sponsoren befragen. In großen, polierten Autos kommen die Geldgeber angefahren, tragen braune Anzüge, Ray-Ban Sonnenbrillen und Lederaktentaschen und stolzieren von einem Journalisten zum anderen. Hier noch ein Foto, da noch eine Aufnahme – schließlich will man als Gönner und Förderer der georgischen Jugend und der Tourismusbranche in die Geschichte eingehen. Wir Übungsobjekte dienen dabei als hübsche, fröhliche Kulisse. Ich habe mich längst in den Schatten unter einen Baum verzogen und betrachte das bunte Treiben mit irritierter Faszination, weil ich kaum glauben kann, dass so ein Sponsorenevent so einen Medienrummel verursacht. Später erfahre ich aus anderen Quellen, dass dies nicht ungewöhnlich ist, wenn vorab die entsprechenden Gelder geflossen sind. Objektive Berichterstattung auf georgisch, also. Eine halbe Stunde später ist der Spuk vorbei, und wir machen uns auf den Weg nach Borjomi. Zumindest vermute ich das, genau sagen kann mir das niemand.

Wir fahren aus der Stadt heraus und halten erst einmal an einer Tankstelle, dann fahren wir weiter und halten an einem Kiosk, dann reißt der Keilriemen und wir halten an einer Werkstatt – im Gegensatz zu allen vorherigen Zwischenstops ist die Reparatur des Keilriemens eine schnelle Angelegenheit von zirka einer Viertelstunde – wir fahren weiter und halten auch bald wieder. So bewegen wir uns fort, langsam aber sicher in Richtung Borjomi. Dort angekommen, machen wir uns auf die Suche nach Fabrik Nr. 2. Obwohl die Mineralwasserfabriken Borjomis für georgische Verhältnisse erstaunlich gut ausgeschildert sind – es gibt große blaue Tafel, die in drei Sprachen den Weg weisen – fragen wir lieber, verfahren uns mehrfach und machen waghalsige Drehmanöver inklusive Blechschaden. Ara mischavs, macht nichts! Und kommen doch gegen drei Uhr in der Mineralwasserfabrik Nr. 2 an. Ich habe eine verträumte Vorstellung von hübschen Georgierinnen mit Kopftüchern, die das Wasser direkt aus der Quelle in Flaschen abfüllen. Und natürlich ist meine naive Phantasie weit von der Realität entfernt. Die neuste Errungenschaft: Plastikflaschen. Sie werden vollautomatisch aufgeblasen, befüllt, Deckel drauf, in Sechser-Reihen aufgestellt, vepackt und fertig. Aufblasen, füllen, Deckel drauf, aufstellen, verpacken, aufblasen, füllen, Deckel drauf, aufstellen, verpacken, aufblasen, füllen… in einer Geschwindigkeit, die in meinem Kopf Purzelbäume schlägt. Menschen gibt es nur in der Qualitätskontrolle und sie tragen keine Kopftücher sondern blitzweiße Anzüge und hygienische Haarnetze. Natürlich dürfen wir das Wasser probieren: ein bisschen salzhaltig ist es, aber bei der Hitze überaus erfrischend. Ausserdem ist es für seine gesundheitsfördernde Wirkung weit über die Grenzen Georgiens bekannt: Vor allem die Russen belegen es deshalb manchmal mit einem Importstop um die Georgier, die so stolz sind auf ihr wunderbares Wasser, so richtig zu ärgern. Wir bekommen noch Unmengen an Borjomi-Plastik-Wasserflaschen geschenkt, und sogar T-Shirts mit Logo auf die sich lohnt noch eine halbe Stunde zu warten, während ich mich in Geduld übe. Auf zu unserem nächsten Ausflugsziel: dem grünen Kloster. Das wir unterwegs nicht halten kann ich kaum fassen, aber zwischen Ausflugsziel Nr. 2 und Mineralwasserfabrik Nr. 2 liegen auch nur knapp 20 Kilometer: eine Strecke, die man in Georgien offensichtlich an einem Stück fahren kann.

Das grüne Kloster heißt so, weil sich die Steine aus denen es gebaut wurde bei Regen grün färben. Um dahin zu gelangen, müssen wir durch einen Wald laufen an einem kleinen säuselnden Bächlein entlang. Ich freue mich, dem fröhlichen Geschnatter im Bus ein Weilchen zu entkommen. Nachdem ich im Reisebus lange genug beäugt wurde, nähern sich mir vereinzelt nun auch die anderen Versuchskaninchen um an mir zu schnüffeln und ihre Deutschkenntnisse zum Besten zu geben. Ich bin entzückt über die vorsichtigen Versuche alle Worte richtig auszusprechen und die grammatikalische Reihenfolge einzuhalten. “Sprichst Du Deutsch?” – “Ja, und Du?” – “Ein bisschen” – “Schön, wie geht es Dir?” – “Mir?, Mir geht es gut. Danke. Und Dir?”… Am Ende des Waldweges erscheint es dann plötzlich: Das grüne Kloster. Ich kann weit und breit keine Siedlung, keine Straße, kein Sonstwas finden: es steht mitten im bewaldeten Nichts. Die Georgier sind im Allgemeinen sehr religiös, sie lieben Rituale und bekreuzigen sich sogar mitten in der Hauptstadt im Bus, wenn sie an einer Kirche vorbei fahren. So müssen die weiblichen Übungsobjekte alle Kopftücher tragen und sich die Hüften bedecken um die Kirche des Klosters zu betreten. Ein Vorrat an Tüchern dient der körperlichen Verhüllung, es wird gezupft und zurecht gerückt, die Tücher werden nach geschmacklichen Vorlieben ausgesucht, schließlich will man gut aussehen, wenn man Gottes Haus betritt. Nackte Bäuche und Schultern scheinen den ehrwürdigen Herrn da oben nicht zu stören. Eine georgische Schönheit erklärt uns den kunsthistorischen Hintergrund des Klosters: ich klebe an ihren Lippen, die so wunderschön sanft erzählen, obwohl ich kaum ein Wort verstehe und betrete berauscht von ihrem elfenhaften Auftreten das Innere des Klosters. Gebaut ist es wie das Schiff einer Basilica, Ikonenmalereien in leuchten in Rot und Blau von den Wänden und der Kuppel – groß, kräftig und ausdrucksstark. Ich kann mich nicht satt sehen an so viel Farbe – hier müssen sich Tizian und Picasso getroffen haben über die Dimensionen hinweg.

Uploaded on January 3, 2007 by Robert Thomson

Kaum verlasse ich das Kloster, befinde ich mich inmitten einer lautstarken Diskussion zwischen Übungsobjekten und Versuchsleitern. Es ist schon nach fünf und man ist sich keineswegs einig, ob man zwei, drei oder gar noch vier Stunden nach Vardzia braucht. Im Dunkeln will man nicht ankommen, schließlich muss man noch zehn Profi-Camper-Zelte aufbauen, die noch nie einer der hier Anwesenden ausgepackt in Händen gehalten hat. Ich bin noch so voller Farbe, dass ich mich auf den Rückweg durch den Wald zum Bus trolle. Hinter mir lasse ich die Diskussion und das grüne Kloster, dass sich jetzt fast wie eine unwirkliche Erscheinung anfühlt und vielleicht bin ich ja auch gar nicht mehr in Georgien, vielleicht bin ich unabsichtlich in meine eigene Matrix geraten – eine Mischung aus Herr der Ringe und American Pie. Ich lausche dem rauschenden Bächlein, höre das Knirschen der Kiesel unter meinen Füßen und denke mir, dass ich eines Tages zu einer anderen Zeit, an einem anderen Ort in Vardzia ankommen werde. Ob in diesem Leben und in dieser Zeit – vielleicht weiß das ja der Mann mit dem Rauschebart, der von der Wolke da oben die Weltgeschäfte regiert?

Werden die Versuchskaninchen je in Vardzia eintreffen? Mehr dazu demnächst bei
http://georgien.blogspot.com

1. Photo September 11, 2006 by Walter Huang
2. Photo January 21, 2007 by Mike Gonzalez
3. Photo: October 30, 2004 by Oop
4. Photo August 8, 2005 by Jason Doctor
5 Photo January 3, 2007 by Robert Thomson


Teil 4: Georgische Zen-Übungen II, oder: Als Gott die Erde küßte

Teil 2: Erste Male


Patricia Scherer
freie Journalistin
vom 15. Juli bis 30. September 2007
Barnovis Kutscha 39
0160 Tbilissi, Georgien
Tel. +995-32-982966
Mobil +995-95-764296
Mailto: patricia@patricia-scherer.de
Skype: patriciaworldwide
www.patricia-scherer.de

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