REPORTAGE (2):

Erste Male
Von Patricia Scherer


In den letzten Tagen habe ich zum ersten Mal eine sechsspurige Strasse wie eine Georgierin überquert, bin zum ersten Mal alleine mit einem Tblisser Bus gefahren und angekommen, habe zum ersten Mal dreizehn Stockwerke erklommen, weil ich keine fünf Tetri hatte und zum ersten Mal einem mir fast fremden Mann erlaubt, mir in die Seele zu blicken. Und eigentlich gehören alle diese ersten Male zu einem einzigen ersten Mal. Wie es dazu kam, scheint schicksalhaft zu sein.


Auf jeden Fall bin ich auf dem Weg zu einem Termin mit einem georgischen Politikwissenschaftler. Er nennt sich Gia, was eine der vielen Abkürzungen für Giorgi ist. Jeder zweite Georgier heißt Giorgi, nach dem Schutzpatron der Georgier. Der Name wird weitergegeben vom Großvater an den Vater an den Sohn. Er ist sicherlich nicht sehr einfallsreich, und bei so vielen Giorgis kommt es leicht zu Verwechslungen, aber es ist nun mal Tradition. Zumindest ist das die Antwort, die ich bekomme, wenn ich frage, was ich häufig tue, weil ich kaum glauben kann, dass man sein Neugeborenes Giorgi nennt, wenn schon mindestens 50 Prozent der männlichen Bevölkerung so heißen. Ein Gruß an die Michaels dieser Welt – soweit ich weiß, der häufigste Name in Deutschland.


Nun gut, kurzum, um eine Hauptstraße in Tblissi zu überqueren muss man ziemlich lebensmüde sein. Bisher wurde ich stets von meinen wunderbaren Gastgebern an der Hand genommen und schnellen Schrittes über die Straße gezerrt. Manchmal liessen sie meine Hand nicht gleich los, und ich hatte schon die Vermutung, dass dies so eine Art Anbandlungs-Ritua sei. Nun es hat mindestens 35 Grad im Schatten und mein kleines, schwitziges Händchen ist sicherlich nicht gerade mit prickelnder Erotik versehen. Es scheint höflich zu sein, nicht sofort loszulassen. Die Berührungsrituale in diesem Land studiere ich noch: Zu den Ergebnissen später. In diesem Moment bin ich allein und die große, böse Straße kreischt schrill nach mir mit Unmengen von Autos. Die Georgier haben zwei unterschiedliche Verbformen für Haben, eine für Lebewesen und eine für Dinge. Autos werden als Lebewesen betrachtet. Und in diesem Moment kann ich das fast nachvollziehen, schließlich machen sie hier was sie wollen. Anders ist dieses Chaos aus atemberaubenden Überholmanövern, Gehupe und Geschwindigkeit nicht zu erklären.* Ich nehme meinen Mut zusammen und stolziere erhobenen Hauptes bis zum Mittelstreifen, schließlich soll niemand merken, dass ich höllisches Muffensausen habe. Ich stehe also auf dem Mittelstreifen, während links und rechts Ladas, Wolgas und diese ganzen europäischen Importwägen mit mindestens Tempo 80 an mir vorbeirauschen. Ich habe es bis hierhin geschafft, also schaffe ich auch den Rest. Auf der anderen Seite angekommen, fühle ich das Adrenalin. Gott, es macht Spaß! Also, klar, ich gehe wieder zurück. Schon mit einem zaghaften Lächeln der Freude auf meinen Lippen überquere ich erneut die Straße um wieder genau dort anzukommen, wo ich todesmutig losgegangen bin. Und wieder zurück. Ein Grinsen des Triumphes breitet sich auf meinem Gesicht aus, ich habe mich der Straße gestellt. Ich kam, sah und siegte.


Ich komme an einem Stück bei Gia an. Nach dem offiziellen Teil zu meiner politikwissenschaftlichen Arbeit lädt er mich zu einem Kaffee ein. Wir sitzen da, er blickt mich an, weißhaarig, schnurbärtig und sagt, Du bist eine gute Anayltikerin und Du liebst Deine Freiheit. Nun gut, das stimmt, aber das schmeichelt auch, und würde wahrscheinlich nicht nur mir gefallen. Dann sagt er, daß er mir nicht zu Nahe treten möchte. Das macht mich natürlich neugierig, und erlaube ihm, offen zu sprechen. “Du hattest Deinen ersten Freund mit 13, vor zwei Jahren ging Deine letzte Liebe zu Ende. Es gibt jemand Neues in Deinem Leben, aber Du bist Dir nicht sicher, was Du von ihm halten sollst.” Nun gut, das könnten auch Zufallstreffer sein, oder? “Deine Mutter ist…” das führt jetzt hier wirklich zu weit, doch ich hatte plötzlich das Gefühl einen Seelenstrip gemacht zu haben ohne überhaupt ein Wort gesagt zu haben. Wir machen noch einen langen Spaziergang durch Tbilissi – ich werde wieder an der Hand über Straßen geführt – und reden über dies und das und die Geschichte der Stadt, Pauschalisten und NGOs. Gia ist mir immer noch mehr als unheimlich, obwohl ich sicher bin, dass es zwischen Himmel und Erde Dinge gibt, die wir nicht erklären können. Aber ich mag ihn. So kommt es bald zu einem erneuten Treffen.


Ich will mit dem Bus fahren. Da es nur an manchen Haltestellen Fahrpläne gibt, muss ich mir stets sagen lassen, mit welcher Nummer ich fahren muss. Den Luxus einer Haltestellenanzeige im Bus gibt es natürlich nicht, und als ich endlich merke, dass ich ganz dringend aussteigen muss, lässt mich niemand durch. Das Verfahren des Aus- und Einstiegs ist hier so etwas wie ein Kleinkrieg um eine Mitfahrgelegenheit. Normalerweise steigt man vorne beim Fahrer aus und zahlt 40 Tetri. Bis vorne schaffe ich es gar nicht, weil der Bus so voll ist, dass ich mich erst einmal zur hinteren Tür kämpfen muss. Höflich sage ich Entschuldigung und deute an, dass ich vorbei und raus will. Pustekuchen. Alle steigen ein, und ich muss noch eine Haltestelle mitfahren, ob ich will, oder nicht. So spare ich 40 Tetri und laufe den restlichen Weg. Angekommen an meinem Ziel, einem typischen Hochhaus aus der Sovietzeit, stelle ich mich der nächsten Herausforderung: dem 13. Stock. Im Fahrstuhl ist ein Automat, in den man fünf Tetri hineinstecken muss – dann erst fährt der Fahrstuhl. Nach dem Ende der sowietischen Herrschaft in Georgien gingen die meisten Wohnungen in Eigentum über, eine Hausverwaltung, Betriebskosten und dergleichen gibt es nicht. Wenn der Fahrstuhl nicht funktioniert, funktioniert er eben nicht. Seit es die Automaten gibt, hat man nun das Geld den Fahrstuhl zu reparieren, wenn er mal wieder kaputt ist oder jemand sich als Vandale betätigt hat. Es ist ja auch wirklich kein Spaß im 13. Stock ohne Fahrstuhl zu wohnen. Ich habe keine fünf Tetri, also laufe ich und zähle. Schilder gibt es keine. Mit Zwischengeschossen und verwirrenden handschriftlichen Angaben an den Wänden komme ich endlich im 13. Stock an. Gezählt habe ich mindestens 16 und fühlen tue ich mich, als wären es 20 gewesen.


Belohnt wird mein Mühe mit einem Blick über die Stadt, über den Mtkwari, der gemächlich zwischen den sanften, grünen Hügeln dahinfließt, mit fast absoluter Stille hier oben und einem gutmütigen Lächeln, dass sich darüber amüsiert, dass ich nicht einfach angerufen habe um mir den Fahrstuhl samt fünf Tetri schicken zu lassen. Das nächste Mal wird nicht mehr mein erstes Mal sein, und dann bin ich schlauer.


*Alle Fans von Flann O’Briens “Der dritte Polizist” werden hier bewiesen sehen, das auch Autos durchaus alleine fahren können, wenn sie nur lange genug Atome und Moleküle mit ihren Fahrern ausgetauscht haben.

1. Photo July 1, 2006 by Paata Vardanashvili
2. Photo
June 30, 2006 by Paata Vardanashvili
3. Photo June 8, 2006 by Paata Vardanashvili
4. Photo April 21, 2006 by Dv0rsky
5. Photo
July 10, 2007 by George Kvizhinadze


Teil 3: Georgische Zen-Übung, oder: Versuchskaninchen auf Touristenreise.
Teil 1: Softeis in Georgien

Mehr über das Leben in Tblissi und einen Ausflug in die Höhlenstadt Vardzia, demnächst bei http://georgien.blogspot.com/


Patricia Scherer
freie Journalistin
vom 15. Juli bis 30. September 2007
Barnovis Kutscha 39
0160 Tbilissi, Georgien
Tel. +995-32-982966
Mobil +995-95-764296
Mailto: patricia@patricia-scherer.de
Skype: patriciaworldwide
www.patricia-scherer.de

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