REPORTAGE (1):

Softeis in Georgien
Von Patricia Scherer
Vor zwei Jahren habe ich zum ersten Mal den Fuss auf georgischen Boden gesetzt, mehr durch Zufall und nicht wie viele andere aus geschäftlichen Gründen oder weil sie sich verliebt haben in eine dunkelhaarige Schönheit mit kornelkirschfarbenen Augen. Ich habe mich auch verliebt: in dieses Land mit seiner unberührten Natur und den gastfreundlichen Menschen. Und ich kann es auch nicht leiden: dieses Land mit seinen korrupten Strukturen und seinem systemimmanenten Chaos. Manchmal finde ich es einfach nur unerträglich, und manchmal bin ich einfach nur hingerissen. Sprachlos hingegen bin ich selten. Nicht nur darum bin ich sicherlich gebeten worden Kommentare für den Georgien-Blog zu schreiben über meinen Aufenthalt in Tblissi. Ich bleibe den ganzen Sommer, über zwei Monate lang – zu wenig Zeit um eine echte Georgierin zu werden, genug um ein wenig hinter die Kulissen zu blicken. Was ich schreiben kann, sind lediglich persönliche Eindrücke. So ehrlich und schonungslos, wie es meine deutsche Erziehung von mir verlangt und meine Ehre als Journalistin. Dennoch sind und bleiben sie subjektiv. Warum ich das so betone? Weil es meinen georgischen Freunden nicht leicht fällt, dass ich nicht nur Schönes über ihr Land zu berichten weiß. Den Ruf als Kritikerin im privaten Rahmen habe ich längst weg. Aber die Kritik auch zu veröffentlichen, als Gast in ihrem Land, das verletzt sie, das ist schwer für sie. Mein Freund Irakli fragte mich kürzlich, wer denn das lesen wolle, meine persönliche Meinung? Ich habe ihm versucht die Unterschiede zwischen einem Kommentar, allgemeiner Berichterstattung und einem Feature näher zu bringen. Wirklich eingeleuchtet hat es ihm glaube ich nicht. Und das ich als Journalistin natürlich keineswegs immer objektiv bin, ist eine überflüssige Erkenntnis. Ich kann nicht anders, und ich will auch gar nicht anders. Nun gut, zurück zum Wesentlichen, zurück zu Georgien:

Ich bin hier um eine politikwissenschaftliche Arbeit über die georgische Zivilgesellschaft und ihre Rolle im demokratischen Transformationsprozess zu schreiben. Keine Leichte Aufgabe, wenn man die georgische Schrift entziffert wie ein ABC-Schütze und der Obstverkäuferin gerade mal verständlich machen kann, dass man eben kein Kilo Pfirsiche haben möchte, sondern nur drei oder vier Stück. Typisch europäisch sagt sie und schüttelt lächelnd den Kopf. Klar, ich muss nur mich ernähren und nicht noch meine halbe Großfamilie, die ich sowieso nicht habe – nicht hier und auch nicht in Deutschland. Und so viele Menschen mit denen ich meine Einkäufe teilen könnte, kenne ich noch nicht. Das Teilen ist übrigens etwas sehr Georgisches. Wenn man etwas zu essen kauft, so kauft man schon im Kalkül, es anderen anzubieten. Die neuste Mode in dieser Hinsicht ist Softeis von McDonalds. Also: die Filiale der amerikanischen Fastfoodkette ist ein beliebter Treffpunkt auf dem Rustaweli Prospekt, einer der Prachstrassen in Tblissi, wo die Springbrunnen auch laufen, wenn das Wasser im Allgemeinen eher knapp ist. Hier verabredet man sich, hier trifft man sich zufällig, hier küsst man sich zur Begrüssung auf die Wange – Männer wie Frauen – und bekommt Softeis geschenkt. Wenn man lange genug dort steht, hat man bald einen dicken Softeisbauch und kann das pappige, süße Zeug nicht mehr sehen. Softeis gibt es am Express-Schalter von McDoof und wenn man sich selbst eins kauft, muss man natürlich allen Bekannten und ihren umstehenden Freunden auch eins kaufen. Auf diese Art komme auch ich zu meinem ersten georgischen McDonalds Softeis. Ich stehe herum und warte zusammen mit georgischen Freunden. Ich werde zwar nicht geküsst, aber ein Softeis ist mir sicher. Und geküsst werde ich nicht, weil man mir meilenweit gegen den Wind ansieht, dass ich eine Ausländerin bin und man nicht so sicher ist, wie man mit mir in dieser Hinsicht verfahren sollte. Das ist auch gut so, denn zu viel fremde Haptik ist mir eher unangenehm. Ich gebe Leuten lieber freundlich die Hand, was in Georgien eine etwas ungewöhnliche Art der Begrüssung ist. Woran nun die Georgier erkennen, dass ich eine Ausländerin bin, weiß ich noch nicht genau. Gut, ich habe keine kornelkirschfarbenen Augen und auch keine dunklen Locken, aber – oh Wunder – nicht alle Georgier sehen gleich aus. Meine Kleidung unterscheidet sich kaum von der anderer junger Georgier, denn Benetton, Hilfiger und Co. haben längst die Stadt und auch die Mode erobert. Vielleicht ist es mein fragender Gesichtsausdruck, der mich verrät. Den Mund darf ich natürlich auch nicht auf machen, was ich trotzdem tue. Mein Georgisch wird zwar jeden Tag besser, aber noch trägt es eher zur allgemeinen Unterhaltung bei.

Zurück zum Softeis. Drei Softeis später kommt Giorgi mit dem Auto und fährt uns zum Schildkrötensee. Er selbst kommt nicht mit und der Schildkrötensee liegt auch nicht auf seinem Weg – er will noch auf eine Party bei Freunden – , aber es ist sagenhaft nett von ihm uns mitzunehmen, und für ihn so gut wie selbstverständlich. Ich würde ihm jetzt gerne ein Softeis ausgeben, allerdings sitzen wir schon im Auto und fahren – weg von McDonalds. Ein Volksfest erwartet uns, sagt Irakli. Ich würde es eher als Musikfestival aller erster Güte bezeichnen. Georgien hat die Sponsoren entdeckt! Der “Clash of Civilizations” lässt grüßen. Auf einer technisch erstklassig ausgestatteten Bühne, gepflastert mit Werbebannern treten einheimische Chöre auf: Swanen aus den kaukasichen Bergen in Tracht. Sie singen ihre monotonen, traurigen Lieder und tanzen im Rhythmus auf Zehenspitzen. Mir schmerzen meine Füße alleine vom Zuschauen, aber kunstfertig sind diese Tänze allemal. Alle 30 Männer und Jungen reihum im Takt – irgendwie erinnert es mich ein bisschen an Synchronschwimmen auf trockenem Boden. Zwischendurch geben ehrwürdige, alte Swanen mit traditionellen Hüten in einer mir noch viel unverständlicheren Sprache Trinksprüche zum Besten. Auch die Georgier verstehen kein Wort, doch quittieren sie die Kunstpausen nach einem Rede-Crescendo mit Jubelschreien. Gaumarschoß! – Zum Sieg!, wie der Georgier sagt.

Art-Gene festival in Tbilisi (16-22 july) Posted by Nutsa in: http://kaukasus.blogspot.com/

Zwei Stunden später liege ich mit Softeis-Geschmack im Mund und Swanengesängen im Ohr im Bett und träume von einer Besteigung des Shkhara*, wilden, starken, mutigen Swanen und meiner abenteuerlichen Zukunft in Sakartvelo*…

*Shkhara: Höchster Berg Georgiens
*Sakartvelo: georgischer Name Georgiens

1. Photo: January 24, 2007 by Paata Vardanashvili
2. Photo: January 29, 2007 by
Sönke Henning Tappe

Teil 2: Erste Male

Mehr über das Leben in Tblissi und einen Ausflug in die Höhlenstadt Vardzia, demnächst bei http://georgien.blogspot.com/


Patricia Scherer
freie Journalistin
vom 15. Juli bis 30. September 2007
Barnovis Kutscha 39
0160 Tbilissi, Georgien
Tel. +995-32-982966
Mobil +995-95-764296
Mailto: patricia@patricia-scherer.de
Skype: patriciaworldwide
www.patricia-scherer.de

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