Freunde der Deutschen Kinemathek:

Fokus Georgien

In Zusammenarbeit mit dem Georgian National Film Center. Dank an Gaga Tscheidse, Nino Anjaparidzeund Anna Dziapshipa

18. 04. 2007 – 30. 04. 2007 in Berlin

Georgian National Film Center
Ab Mitte April präsentieren die Freunde der Deutschen Kinemathek herausragende Beispiele des georgischen Films aus den letzten 15 Jahren. Wir freuen uns ganz besonders, alle Regisseure der Veranstaltungsreihe als Gäste im Kino Arsenal zu begrüßen. Der 16. November 1896 war ein wichtiger Tag für Georgien. Noch nicht mal ein Jahr nach der ersten öffentlichen Kinovorführung am 28. Dezember 1895 in Paris wurde in Tiflis das erste Kino eröffnet. Auch wenn der erste georgische Film „erst“ 1912 gedreht wurde, wird dieses erstaunlich frühe Interesse fürs Kino immer wieder als Ausgangspunkt für die Entwicklung dieser beeindruckenden Filmnation genannt. Bereits in der Stummfilmzeit gab es eine erste Blüte im georgischen Film. Nach Stalins Tod, vor allem aber in den 60er und 70er Jahren entstanden viele mittlerweile zur Filmgeschichte gehörende Meisterwerke von Eldar und Giorgi Schengelaja, Otar Iosseliani, Lana Gogoberidse, Tengis Abuladse und Sergej Paradshanow, oftmals verspielte Komödien, böse Satiren oder dramatisch übersteigerte, surreale Grotesken, die traditionelle Erzähltechnik ignorierten, aber auch stille, poetische und melancholische Filme mit faszinierender Bildsprache. Das große kreative Potenzial des georgischen Films wurde zu Sowjetzeiten immer wieder von strengen Zensurauflagen beschnitten, so dass viele Film erst Jahre nach ihrem Entstehen in anderen Ländern gezeigt werden konnten. Auch wenn mit der staatlichen Unabhängigkeit Georgiens 1991 die Filmzensur abgeschafft wurde, leidet die Filmwirtschaft heutzutage unter der schwächelnden georgischen Wirtschaft. Die Gründung des Georgischen Nationalen Filmzentrums Ende der 90er Jahre trägt mittlerweile einiges dazu bei, um die Filmproduktion in Georgien zu unterstützen, doch die meisten georgischen Regisseure können ihre Filme nur mit Unterstützung europäischer Koproduzenten realisieren. Auch einige Filme der Reihe «Fokus Georgien» sind so entstanden. Dabei ziehen sich Themen und Motive wie der besondere Stellenwert der emblematischen Hauptstadt Tiflis (Tbilissi), der Bürgerkrieg, der Anfang der 90er Jahre die junge georgische Republik erschütterte, und die sozio-politischen Umwälzungen im Land wie ein roter Faden durch die präsentierten Filme.

Eröffnung
Mi 18.4., 19h
Zu Gast: Michail Kobachidse, Einführung: Giorgi Gwacharia
Kurzfilme von Michail Kobachidse:
MOLODAYAL LJUBOV Young Love 1961
KARUSSEL Carrrousel 1962
KOLGA The Umbrella 1967
KORTSILI The Wedding 1965
MUSIKOSEBI The Musicians 1969
EN CHEMIN F 2003
Wir eröffnen das Festival mit einem Rückblick und zeigen die Kurzfilme des erst kürzlich wiederentdeckten georgischen Regisseurs Michail Kobachidse, der im Zeitraum von 1961 bis 1969 fünf außergewöhnliche Kurzfilme drehte, bevor seine Arbeit 1969 von der sowjetischen Zensur als formalistisch eingestuft wurde und er keine weiteren Filme mehr drehen durfte. Die Filme beeindrucken durch das raffinierte Zusammenspiel zwischen Bild, Ton und Schnitt. Beim Betrachten muss man zeitweise an Beckettschen Minimalismus denken, dann wieder an Buster Keaton, was den Gebrauch der Landschaft und den Sinn für Melancholie angeht. Kobachidses scharfe Gesellschaftsbeobachtungen wiederum erinnern an Jacques Tati, die animierten Sequenzen seiner Filme zeigen eine Verwandtschaft mit den Filmen von Norman McLaren. Ganz selbstverständlich verbindet Kobachidse in seinen Filmen die unterschiedlichsten Stile und bewegt sich mühelos zwischen Realismus, Satire, fantastischem und avantgardistischem Film. Das Programm wird mit Kobachidses jüngstem Film EN CHEMIN, den er in Frankreich gedreht hat, abgerundet.

Mi 18.4., 21h
Einführung: Giorgi Gwacharaia
TBILISSI – TBILISSI Lewan Zakareishwili 2005 OmE 87’
Eine melancholische Bestandsaufnahme der georgischen Hauptstadt und ihrer Bewohner. Ein nicht mehr ganz junger Filmregisseur streift verzweifelt auf der Suche nach einer Geschichte durch die Straßen seiner Heimatstadt. Unweit der glitzernden Welt der Waren, die in den letzten Jahren Tiflis mehr und mehr erobert hat, zeigen sich Probleme des modernen Lebens: Armut, gesellschaftliche und soziale Ungerechtigkeit, Flüchtlinge und Bettler, die in die Stadt drängen. Der Film ist das bewegende Protokoll einer desillusionierten Generation.

Do19.4., 21h
Zu Gast: Lewan Tutberidse
GASEIRNEBA KARABACHSHI A Trip to Karabakh Lewan Tutberidse 2005 OmE 107’
Tiflis Anfang der 90er Jahre: Das Land ist vom Bürgerkrieg gezeichnet. In dieser Atmosphäre leben die knapp 20jährigen Gio, Gogliko, Sandro und Duda ganz im Zeichen von Mädchen, Kartenspielen und Drogen. Um an Geld zu kommen und um der Enge der Familien zu entfliehen, machen sich Gio und Gogliko auf die Reise nach Aserbaidshan. Auf Umwegen landen sie in Bergkarabach, in einem von Aserbaidshanern und Armenienern heftig umkämpften Gebiet.
GASEIRNEBA KARABACHSHI ist der jüngste Film von Lewan Tutberidse, der sowohl das erste unabhängige georgische Filmstudio „Aisi“ als auch das Kino Amirani gegründet hat.

Fr 20.4., 19h
Zu Gast: Dito Tsintsadse
DER MANN VON DER BOTSCHAFT Dito Tsintsadse D 2006, 1998
Dito Tsintsadse gehört zweifellos zu den berühmtesten georgischen Regisseuren. Sein jüngster Film wurde 2006 in Locarno ausgezeichnet. Im Mittelpunkt steht Herbert, ein Angestellter der deutschen Botschaft in Tiflis. Er führt ein monotones, von beruflicher Routine bestimmtes Leben, bis er eines Tages das 12-jährige Flüchtlingsmädchen Sascha kennen lernt. Zwischen dem lebhaften Mädchen und dem melancholischen Bürokraten entwickelt sich eine Art Vater-Tochter-Beziehung, die von der Umgebung der beiden jedoch überaus misstrauisch beobachtet wird.

So 22.4., 21.15h
Zu Gast: Sasa Urushadse
AK TENDEBA Here Comes the Dawn Sasa Urushadse 1998 OmE 123’
Sasa Urushadses psychologisches Drama spielt vor dem Hintergrund des georgischen Bürgerkriegs. Der Erstlingsfilm kreist um den dramatischen Wendepunkt im Leben eines angesehenen georgischen Politikers. Sein erfolgreiches und scheinbar glückliches Leben gerät vollständig aus den Fugen, als sein neugeborener Sohn lebensgefährlich erkrankt. Sein Blick auf die Umwelt ändert sich auf radikale Weise: alles, was bislang für ihn Bestand und Wert hatte, kann der Sinnfrage nicht mehr standhalten. In einem verzweifelten Versuch, seinen Sohn zu retten, schließt er sich einer Gruppe an, die an einem See wohnt.

Do 26.4., 19.30h
Zu Gast: Lewan Glonti & Ilia Glonti
DGE Der Tag Lewan Glonti UDSSR/Georgien 1989/90
CHUTI VARIAZIA Five Variations Ilia Glonti 2006 gesamt 100’
Lewan Glontis Film wurde kurz vor Georgiens Unabhängigkeitserklärung am 9. April 1991 fertiggestellt und zeichnet mit sensibler, nervöser Erzählweise ein ergreifendes Bild des inneren Vakuums, der Passivität und der Ausweglosigkeit der jungen Generation. Mit einem dokumentarischen Blick auf das Alltagsleben rekapituliert der Film den Tagesablauf eines jungen Mannes, der bei seinen Großeltern lebt, im Verlauf des Tages Freunde und Verwandte besucht, durch die Straßen Tbilissis läuft, abends auf eine Party geht und wieder zu Hause ein Mädchen durchs Fenster beobachtet. Als er eine Auseinandersetzung beobachtet, greift er in das Geschehen ein, mit fatalen Folgen. Der Film läuft zusammen mit dem mittellangen Film CHUTI VARIAZIA von Ilia Glonti, der zeigt, wie schwierig es sein kann, aus der alltäglichen Routine des Familienlebens auszubrechen, wenn man feststellt, ohne die anderen nicht leben zu können.

Sa 28.4., 19.30h
UN DRAGON DANS LES EAUX PURES DU CAUCASE The Pipeline Next Door Nino Kirtadse 2006 OmE 90’ Die weibliche Hauptrolle in diesem Film spielt die Schauspielerin und Regisseurin Nino Kirtadse, deren Dokumentarfilm UN DRAGON DANS LES EAUX PURES DU CAUCASE mit dem Prix ARTE ausgezeichnet wurde, der alljährlich von der European Film Academy an den besten Europäischen Dokumentarfilm verliehen wird. Auf fesselnde wie amüsante Art schildert der Film die dramatische Konfrontation der Bewohner eines Dorfes mit den mächtigen Vertretern der Erdölfirma BP. Während die Vertreter von British Petrol mit Kaufverträgen für das benötigte Land auftauchen, über das die Pipeline geführt werden soll, schreitet der Bau der von Aserbaidshan in die Türkei führenden gigantischen Pipeline bedrohlich voran. Zwischen Angst vor den Veränderungen, die der Bau der Pipeline mit sich bringen wird, und dem in Aussicht gestellten Geldsegen durch den Verkauf des Landes hin- und hergerissen, können sich die Dorfbewohner nicht auf ein gemeinsames Vorgehen einigen.

So 29.4., 21h
Zu Gast: Nana Djordjadse
ES MILLE ET UNE RECETTES DU CUISINIER AMOUREUX 1001 Rezepte eines verliebten Kochs, Nana Djordjadse Georgien/F/D/ 1996 OmE 100’
Wie viele andere georgische Regisseure arbeitet auch Nana Djordjadse immer wieder mit europäischen Koproduzenten, wie im Fall ihres Films LES MILLE ET UNE RECETTES DU CUISINIER AMOUREUX (1001 Rezepte eines verliebten Kochs, 1996), einer französich-georgischen Koproduktion. Der vielschichtige Film ist zwischen Komödie und Melodram angesiedelt und beschreibt anhand von Rückblenden das wechselvolle Leben eines georgischen Globetrotters und Gourmets, der ein Feinschmeckerrestaurant in Tiflis eröffnet und bald in die Wirren der Revolution gerät.

Mo 30.4., 19h
Zu Gast: Dato Janelidse
MEIDAN – NAVE OF THE WORLD Dato Janelidse 2004 OmE 90’
Abschließend präsentieren wir MEIDAN – NAVE OF THE WORLD über den gleichnamigen kleinen Bezirk mitten in Tiflis. Seit Jahrhunderten leben hier Menschen unterschiedlicher Herkunft und Religion friedlich Seite an Seite und nehmen Anteil am Leben und an den Traditionen ihrer Nachbarn. MEIDAN von Dato Janelidse ist ein eindruckvolles Porträt dieser scheinbar so einfachen Co-Existenz.

Kino Arsenal 1 & 2
Potsdamer Straße 2

10785 Berlin
Mehr erfahren Sie unter
Freunde der Deutschen Kinemathek e.V.
Mailadresse:
Christine Sievers


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