Mit Zigarette im Waffenlager
Abchasien und die Spannungen zwischen Georgien und Russland
von Timo Vogt, info@randbild.de
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Seit dieser Woche blockiert Russland die Verkehrswege nach Georgien. Dies ist der traurige Höhepunkt einer Reihe von Konflikten zwischen beiden Ländern in den Jahren nach dem Zerfall der Sowjetunion. Die durch Bürgerkriege Anfang der 1990er von Georgien losgelösten Regionen Süd-Ossetien und Abchasien sind bis heute Zankapfel zwischen Tiflis und Moskau. Russlands Interessen am Fortbestehen der abtrünnigen Regionen ist aus machtpolitischen Erwägungen groß. Unser Korrespondent Timo Vogt reiste in das abgeschotte Abchasien an der kaukasischen Schwarzmeerküste. Er traf dort abchasische Freischärler und den Präsidenten des Gebietes, dessen Unabhängigkeit von keinem Land der Welt anerkannt wird.

Suchumi (www.n-ost.de) – 30 Kilometer entfernt von der abchasischen Hauptstadt Suchumi befindet sich ein Tunnel, der durch ein senkrechtes Felsmassiv geschlagen wurde. Die strategische Bedeutung des Durchgangs lässt sich an den zahlreichen Granateinschlägen in den Wänden ablesen. Der Tunnel ist das Eingangstor in die Kodori-Schlucht, in der es seit Wochen Scharmützel zwischen georgischen und abchasischen Truppen gibt. 200 Meter unterhalb des ausgefahrenen Weges wirbelt das türkise Wasser des breiten Bergflusses ins Tal. Die atemberaubende Berglandschaft ist Schauplatz für einen der vielen ungelösten Völkerkonflikte im Kaukasus.
Als die Sowjetunion zerfiel, erklärten sich zunächst Georgien und dann die Region Abchasien für unabhängig. Doch die Georgier akzeptierten die Loslösung der kleinen Schwarzmeerprovinz nicht, da Abchasien unter dem Georgier Josef Stalin 1931 der Georgischen SSR angegliedert wurde. Es kam zu einem blutigen Bürgerkrieg, in dessen Folge Tausende starben und eine Viertelmillion Georgier aus Abchasien vertrieben wurden. Die Abchasen, die in der Regel mindestens ein Opfer pro Familie zu beklagen hatten, schlugen die Georgier mit Hilfe russischer Waffentechnik und freiwilligen Kämpfern aus dem Nordkaukasus zurück. Seit 1994 herrscht ein brüchiger Waffenstillstand, der von einer Friedenstruppe der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) durchgesetzt werden soll und von einer Beobachtermission der UNO unter deutscher Beteiligung überwacht wird.

“Wenn die Georgier kommen scheiden wir ihnen die Kehlen durch”, sagt Dima cool und streicht dabei mit dem Daumen über seinen Hals. Die martialischen Worte des abchasischen Kommandeurs passen zu seinem Outfit. Die Augen hat er hinter einer Sonnenbrille versteckt und die Haare wie ein Pirat in ein Tarntuch gewickelt. Erst einen Tag zuvor haben seine Soldaten, die überwiegend noch Teenager sind, georgische Freischärler in die Flucht geschossen, die bis zum Camp dieser abchasischen Kampftruppe vorgedrungen waren. Jetzt sitzen die Männer in Badelatschen unter Bäumen, um sich gegen die unerbittlich heiße Mittagssonne zu schützen. Andere liegen auf Bettgestellen ohne Matratze im Freien, die Kalaschnikow an die Bettpfosten gelehnt und immer griffbereit. Unbewaffnet geht man hier nicht einmal zum Zähneputzen. Im Waffenlager der verwegenen Truppe stapeln sich kistenweise Handgranaten, Einwegpanzerfäuste und andere schultergestützte Granatwerfer. Einer der Soldaten zeigt all dies voller Stolz, während er in dem mit explosiven Stoffen vollgestopften Raum an seiner Zigarette zieht.
In den Schluchten des Kodori-Tals stehen sich Georgier und Abchasen bewaffnet und unversöhnlich gegenüber. Den oberen Abschnitt des Tals haben die Georgier seit dem Ende des Bürgerkriegs 1993 unter ihrer Kontrolle, obwohl das Gebiet auf abchasischem Territorium liegt. Im unteren Teil halten die Abchasen an jedem Meter fest, als sei es das Letzte was sie für ihr 8.600 Quadratkilometer großes Land tun könnten. Dazwischen hält sich die GUS-Friedenstruppe auf, die Blutvergießen verhindern soll und doch klar auf der Seite der Abchasen steht. Die Geschütze der nur aus Russen bestehenden Truppe zeigen meist nur in eine Richtung – die aus der die Georgier kommen könnten.
Eine offiziell als Polizeiaktion bezeichnete große Mobilmachung gegen einen aufrührerischen Milizenführer im oberen Kodori-Tal nutzte die georgische Regierung von Michail Saakaschwili Ende Juli, um 1.500 schwer bewaffnete Polizisten des Innenministeriums in die Region zu schaffen. Um die Provokation gegen Abchasien perfekt zu machen, wird Georgien in den nächsten Wochen die abchasische “Exilregierung” von Tiflis ins Kodori-Tal verlegen. Ein Schulgebäude im Bergdorf Tschchalta wird derzeit als deren künftigen Regierungssitz ausgebaut.
Die aktuelle russisch-georgische Krise um die Verhaftung von mutmaßlichen Spionen und die gerade begonnene Blockade Russlands gegen den kleinen Kaukasusstaat hängt maßgeblich mit dem ungelösten Konflikt um Abchasien zusammen. Russland möchte den Einfluss in die von Georgien abtrünnige Provinz Abchasien nicht verlieren. Russland hat dort einige Tausend Mann der Friedenstruppe stationiert, es investiert massiv in der Region und möchte auch weiterhin Hunderttausende russische Staatsbürger als Touristen an die früheren sowjetischen Traumstrände in Abchasien reisen lassen.

Die auf Abchasisch gestellte Frage nach dem zukünftigen Status Abchasiens beantwortet Sergej Bagapsch in fließendem Russisch und betont, dass Abchasien sehr genau den Verhandlungsprozess um das Kosovo beobachte und daraus seine Schlüsse ziehen werde. “Wir wollen ein selbständiger und unabhängiger Staat sein”, erklärt er. Ein kleiner Globus, auf dem Abchasien bestenfalls einen Punkt ausmachen würde, steht er ihm auf dem Schreitisch. Einen Anschluss an die Russische Förderation, die Georgien dem “Separatistenpräsident” Bagapsch vorwirft, lehnt er ab. Bagapsch selber wird jedoch gleichzeitig von Teilen der Opposition im Land als zu georgienfreundlich abgelehnt. Vielleicht auch, weil der seit 2005 amtierende Präsident mit einer Georgierin verheiratet ist.
In Gagra, wo das Kaukasusgebirge das nördliche Abchasien förmlich in den Schwitzkasten nimmt und die Ausläufer der bewaldeten Berge bis ins Meer reichen, liegen Moskauer Touristen mit sonnenverbrannter Haut unter den Palmen der Küstenregion. Über eine halbe Million Touristen sollen es in diesem Jahr gewesen sein, die in der Konfliktregion Abchasien Urlaub machten. In Zeiten der Sowjetunion war Abchasien als die “die Riviera der UdSSR” bekannt. Berge, Strand und subtropisches Klima lockte die Menschen aus der sozialistischen Welt. Und auch heute sind es Russen, die in die kleine Republik kommen. Nur mit einem russischen Pass lässt sich die Grenze zwischen Russland und der international nicht anerkannten Republik Abchasien problemlos und ohne Schmiergeld überwinden. Einmal drüben lässt man es sich in Gagra und Pitsunda richtig gut gehen. Russen, die sich des Edelressort Sotschi an Russlands Schwarzmeerküste nicht leisten können, steigen hier in Abchasien ab. Man bleibt unter sich und muss sich nicht an eine neue Währung gewöhnen, denn die ist in Abchasien offiziell der russische Rubel. Wer es noch günstiger haben will geht ins kriegszerstörte Suchumi. Der morbide Charme eines rostigen georgischen Schiffswracks in der Nähe des Hafens, das mit einem Ende im steinigen Strand steckt, während der Bug schräg in die Luft ragt, als hätte es ein zorniger Riese in den Boden gerammt, ist offenbar entspannend für manche Russen.
Nur dass die Touristen auch fernab der Strände in Badekleidung shoppen oder Kaffeetrinken, sehen viele Abchasen nicht so gerne. Auch wenn die abchasische Gesellschaft sich in den letzten Jahren einer lockeren russischen Kleiderordnung und Mobiltelefonen geöffnet hat, so sind viele immer noch traditionell eingestellt. Treu ist Abchasien auch der sowjetischen Wirtschaftordnung geblieben.
Abchasien unterliegt eigentlich einer Blockadepolitik, doch mit Russland wird reger Handel getrieben, wenngleich der größte Teil der Güter von dort eingeführt wird. Valerie Dschanija, der Direktor der staatlichen Teeplantage nahe der südabchasischen Stadt Otschamtschira verkauft den größten Teil seiner Jahresproduktion nach Russland. Der Staatsbetrieb produziert nur noch ein Zehntel dessen, was vor dem Bürgerkrieg an Schwarztee in zahllose 20-Kilo Säcke verpackt wurde. Auf 300 Tonnen Jahresproduktion kommt die Plantage heute, deren Verarbeitungsgebäude marode und schimmelig in der Ebene Abchasiens daniederliegen. Warum er als Direktor noch nicht versucht hat seine Ware an den Russen vorbei auf den Weltmarkt zu bekommen, beantwortet Valerie Dschanija in typisch staatsbetrieblicher Mentalität: “Wir haben es noch nicht versucht”.
Abchasien gleitet mehr und mehr nach Russland. Zu stark ist die Abhängigkeit vom großen Nachbarn und zu groß das Interesse Moskaus an der Region. Gleichzeitig fordert Georgien immer massiver eine Wiedervereinigung mit der Provinz. Die aktuelle Krise, die beide Länder and en Rand eines Waffengangs geführt hat, macht eine Lösung auf dem Verhandlungswege immer unwahrscheinlicher. So ist die Zukunft Abchasiens zwölf Jahre nach dem Waffenstillstandsabkommen ungewisser denn je und mit ihr die Zukunft des gesamten Kaukasus.

Die angefügten Bilder sind vom Fotografen Timo Vogt (www.bilderbeute.de)

Soldaten im Camp:
Soldaten der abchasischen Armee in einem Camp im zwischen Georgien und Abchasien umkämpften Kodorital. Fast täglich liefern sie sich Gefechte mit georgischen Freischärlern in der bewaldeten und schroffen Schlucht.

Präsident Bagapsch:
Sergej Bagapsch, Präsident der international nicht anerkannten Republik Abchasien in seinem Büro in Suchumi.

Mit freundlicher Genehmigung von Timo Vogt (www.randbild.de)

Mehr von Timo Vogt:

* http://georgien.blogspot.com/2006/09/der-photograph-und-journalist-timo.html

* http://georgien.blogspot.com/2006/07/explosive-lage-in-sdossetien-von-timo.html

* http://georgien.blogspot.com/2005/10/unterwegs-im-land-des-goldenen-vlies.html

Kodori Tal (Videoclips)
verschiedene Einstellungen14:37
camera Gerhard Ziegler / format DVCam PAL(4:3)
copyright Wendländische Filmkooperative
datum 2006-08-26
location asien/GEO/Georgien/Abchsien
Link: http://bilderbeute.de/?ID=1YRFEXEX5F

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