Ostern in Georgien
Manuskript gesendet April/2004 auf dem SWR
von Ralph Hälbig
Tika erzählte mir, dass sie deutsche Vorfahren habe. Überhaupt trifft man hier in Georgien öfters jemanden, der berichtet, dass die Urgroßmutter Ungarin war, oder der Urgroßvater ein französischer Offizier.

Tikas Mutter jedenfalls war Russin und kam irgendwoher aus diesem riesigen Reich. Damals war sie 15 Jahre alt. Hier in der Sonne fühlte sie sich wohl, lernte erstaunlich schnell die schwierige Sprache. Und das schönste war, dass sie in einem so genannten italienischen Innenhof heranwuchs. Hier verbrachte sie unzählige Stunden. Dann berichtete sie, dass dort im Keller ehemals ein berühmter Maler wohnte. Niko Pirosmani war sein Name. Damals hatte er keinen Platz zum leben, und er fand dort einen Ort, wo er bleiben konnte: einen dunklen und feuchten Weinkeller, aber er war zu stolz, den Eigentümer zu bitten, ihm einen besseren Platz zu geben.

Pirosmani war mir ein Begriff. Mir sagte mal jemand, er sei der Begründer der naiven Malerei. Doch nach einem solchen Leben – er starb in Armut und an Hunger – war mir das nicht ganz einleuchtend. Niko sah die Menschen, ihre Gewohnheiten und ihr Verhalten und malte das ganze Land, seine Geschichte, seine Schönheit. Dann verstaute er seine Bilder; und die Leute in der Nachbarschaft diskutierten über ihn. Sie liebten seine Bilder: “Tamar” (die berühmte Frau des 12. Jahrhunderts), “Rustaveli” (den alten Schriftsteller), “Giorgi Saakadze” (eine historische Figur), “Irakli den II.” (ein legendärer König) und viele andere. Niko war glücklich, seiner Passion zu folgen. Aber andere Leute, die seine Kunstwerke sahen, konnten ihn nicht schätzen; bekannt war er als Obdachloser und Trinker.

Gerade an Ostern erinnerte ich mich dann an eine Leinwand Pirosmanis mit dem Titel: Ostern. Wir weilten in Ratscha – einem der lieblichsten Landstriche in Georgien. Hier sollen die langsamsten Menschen der Welt wohnen. Wie wahr – ständig mussten wir auf unsere Freundin Tamuna warten. Die Landschaft auf dem Bild könnte Ratscha sein. Christus schwebt langsam gen Himmel und im Vordergrund auf der Wiese gibt es eine reich gedeckte Tafel. Gemerkt hatte ich mir, dass darauf ein Teller mit einem Berg roter Eier zu sehen war.

Den Tag der Kreuzigung von Jesu Christi nennt man in Georgien “Roten Freitag”. Zur Erinnerung daran kocht man Eier und färbt sie rot mit Blut. Die Tradition, gefärbte Eier zu verschenken, war in vielen Kulturen bekannt. Der Brauch war oft mit dem Beginn eines neuen Jahres verbunden. Ein Philosoph erklärte, das Ei sei ein Symbol für die Schöpfung, ein Symbol der Wiedergeburt und des ewigen Lebens. Das Ei war das Symbol der Naturkraft. In Persien glaubte man, dass bis zur Entstehung der Welt nichts war außer Gott. Alles war dunkel. Dann wurde ein Ei geboren. Das älteste Kind Gottes, die Liebe, sorgte für das Ei. Es wuchs und wuchs – es entwickelte sich die ganze Welt. In Klöstern werden dort immer noch kunstvolle Eier bewahrt – als Zeichen der ewigen Geburt. Das Osterei ist ein Symbol der Überwindung des Todes und des Lebens nach dem Tod. Wie das Ei aus einer harten Schale Leben entlässt, so erstand der aus dem Grab, der uns neues Leben verleiht. Um daran zu erinnern deckt man in Westgeorgien die Gräber der Angehörigen mit roten Eiern zu. Dann ging man auf das Feld und feiert mit den gesegneten Gerichten das Osterfest. In Kachetien schlachtet man ein Lamm mit einem roten Band um den Hals und rollt rote Eier über die Gräber der Verstorbenen. In Georgien ist eine Sage aus Ratscha verbreitet: “Ostern saßen die Juden zusammen und kochten einen Hahn. Jemand erzählte, dass Jesus selber ein Kind schickte, um seine Auferstehung zu verkünden. Die Juden lächelten: Jesus sei so sicher wieder auferstanden, wie der Hahn im Kochtopf wieder lebendig werden würde. Nach diesen Worten sprang der Hahn aus dem Topf und krähte.”

In der Sowjetzeit gingen die Leute am Ostersonntag auf den Friedhof. Nach den orthodoxen Regeln ist der Montag der Tag, an dem man zu den Toden geht. Heute fasten die Leute vor Ostern. Zu Ostern schenken sie sich dann bunte Eier, die sie aneinanderschlagen, so dass sie aufbrechen wie ein Grabgewölbe.

Nachgetragener Link zur Symbolik des Ei:
Symbol des Lebens, der Fruchtbarkeit und Liebe. Das Ei und seine Kulturgeschichte (br-online)
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